MGGA – Wenn „America First“ auf Europa trifft

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„Make Germany Great Again“ – Donald Trump feiert den Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt und überträgt sein MAGA-Motto auf Deutschland. Doch hinter vier Buchstaben steckt eine wesentlich größere Frage: Wie soll Europa mit einem Amerika umgehen, dessen Präsident europäische Parteien politisch unterstützt und seine Außenpolitik kompromisslos unter „America First“ stellt?

Donald Trump brauchte nur vier Buchstaben: „MGGA!!!“ – Make Germany Great Again. Nach dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt kommentierte der amerikanische Präsident das Ergebnis und machte deutlich, welche politische Entwicklung in Deutschland er begrüßt. Man kann das als weitere Provokation Trumps abtun. Man sollte es nicht. Denn der Vorgang fügt sich in eine Entwicklung ein, die weit über Deutschland und die AfD hinausgeht. Die amerikanische Regierung unter Trump betrachtet Europa nicht mehr selbstverständlich so, wie Europa die Vereinigten Staaten jahrzehntelang betrachtet hat: als politischen Partner auf der Grundlage gemeinsamer Interessen.

Wenn der Verbündete zum politischen Gegenspieler wird

Das bedeutet nicht, dass die Vereinigten Staaten plötzlich zum „Feindstaat“ Deutschlands geworden wären. Eine solche Behauptung wäre angesichts der NATO, der engen wirtschaftlichen Verflechtung und jahrzehntelanger Zusammenarbeit nicht haltbar. Aber ebenso falsch wäre es, so zu tun, als habe sich nichts verändert. Die Vereinigten Staaten unter Donald Trump sind Partner – und können gleichzeitig in zentralen Fragen politische und wirtschaftliche Gegenspieler Europas sein. Diese neue Realität verlangt eine andere europäische Politik. Washington verfolgt amerikanische Interessen. Das ist sein gutes Recht. Aber dann muss Europa endlich begreifen, dass es europäische Interessen mit derselben Selbstverständlichkeit vertreten muss.

„America First“ ist keine Liebeserklärung an Deutschland

Gerade deshalb hat Trumps „MGGA“ einen bemerkenswerten Widerspruch. Der Mann, dessen gesamtes politisches Programm unter America First steht, will Deutschland „great again“ machen? Donald Trump wurde von amerikanischen Bürgern gewählt, um amerikanische Interessen zu vertreten. Wenn deutsche Exporte amerikanische Unternehmen bedrängen, wird er amerikanische Interessen verteidigen. Wenn europäische Regulierung amerikanische Digitalkonzerne trifft, wird Washington dagegen vorgehen. Wenn Europa handelspolitisch andere Wege gehen will, wird Trump versuchen, amerikanische Interessen durchzusetzen. Das ist Interessenpolitik. Deutschland und Europa sollten daraus lernen.

Die AfD muss einen Widerspruch erklären

Damit stellt sich auch für die AfD eine Frage. Kaum eine deutsche Partei spricht so häufig von nationaler Souveränität. Deutschland müsse wieder selbst über seine Grenzen, seine Wirtschaft und seine politischen Interessen bestimmen. Aber wie passt dazu die demonstrative Nähe zu einer amerikanischen politischen Bewegung, deren oberstes Prinzip ausdrücklich America First lautet? Nationale Souveränität kann nicht bedeuten: Einfluss aus Brüssel und Moskau zurückweisen, amerikanische Einflussnahme aber begrüßen, solange sie der eigenen Partei politisch nutzt. Wer deutsche Souveränität fordert, muss sie gegenüber allen vertreten – auch gegenüber Washington.

Europa hat sich zu lange auf Amerika verlassen

Die Vereinigten Staaten haben über Jahrzehnte einen wesentlichen Teil der europäischen Sicherheitsordnung garantiert. Europa konnte unter diesem Schutz wirtschaftlich wachsen und gleichzeitig vergleichsweise wenig für seine eigene Verteidigung ausgeben. Das war bequem. Vielleicht zu bequem. Unter Trump ist die Frage, wie verlässlich diese Arbeitsteilung dauerhaft bleibt, zu einer strategischen Herausforderung geworden. Europa muss deshalb eine Konsequenz ziehen: Partnerschaft mit Amerika – ja. Abhängigkeit von Amerika – nein.

Das gilt nicht nur für Panzer und Raketen

Strategische Unabhängigkeit beginnt nicht beim Militär und endet dort auch nicht. Europa ist in zentralen Bereichen seiner wirtschaftlichen Infrastruktur von amerikanischen Unternehmen und Technologien abhängig: Cloud, künstliche Intelligenz, Software, Halbleiter, digitale Plattformen, Zahlungsverkehr und Dateninfrastruktur. Dazu kommt die sicherheitspolitische Abhängigkeit von amerikanischen militärischen Fähigkeiten. Europa hat erlebt, welchen Preis eine einseitige Abhängigkeit von russischer Energie haben kann. Es wäre fahrlässig, daraus lediglich die Lehre zu ziehen, russische Abhängigkeit durch neue Abhängigkeiten von anderen Großmächten zu ersetzen.

Europas Mittelstand braucht europäische Souveränität

Das ist keine abstrakte außenpolitische Diskussion. Sie betrifft unmittelbar den deutschen Mittelstand. Ein Unternehmen, dessen Daten in einer amerikanischen Cloud liegen, dessen Software von amerikanischen Konzernen stammt, dessen KI-Infrastruktur amerikanisch ist und dessen Zahlungsverkehr über außereuropäisch dominierte Systeme läuft, ist von politischen und rechtlichen Entscheidungen außerhalb Europas stärker abhängig, als vielen Unternehmern bewusst sein dürfte. Deshalb gehören europäische Cloud-Infrastruktur, eigene KI-Kompetenz, Halbleiterkapazitäten und ein unabhängiger europäischer Zahlungsverkehr nicht in die Kategorie europäischer Prestigeprojekte. Sie gehören zur wirtschaftlichen Selbstbehauptung Europas.

Nicht Anti-Amerika – sondern Pro-Europa

Dabei wäre es ein Fehler, aus Trumps Politik einen europäischen Anti-Amerikanismus abzuleiten. Amerika ist mehr als Donald Trump. Die wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, kulturellen und persönlichen Beziehungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten reichen weit über eine einzelne Präsidentschaft hinaus. Europa sollte diese Partnerschaft erhalten. Aber Partnerschaft auf Augenhöhe setzt voraus, dass beide Seiten auch eigenständig handeln können. Ein Partner, der keine Alternative hat, gerät in Abhängigkeit.

Vielleicht müssen wir Trump sogar dankbar sein

Das ist die Ironie dieser Entwicklung. Donald Trump könnte Europa einen Dienst erweisen, den jahrzehntelange europäische Gipfeltreffen, Sonntagsreden und Strategiepapiere nicht geschafft haben: Er zwingt Europa, über seine eigene Macht nachzudenken. Über seine militärische Macht. Über seine wirtschaftliche Macht. Über seine technologische Macht. Und über seine politische Souveränität. Ein Europa mit rund 450 Millionen Einwohnern und einem der größten Wirtschaftsräume der Erde müsste eigentlich niemandes Vasall sein – weder Washingtons noch Moskaus noch Pekings.

Fazit: America First braucht eine europäische Antwort

Donald Trump sagt America First. Ein amerikanischer Präsident vertritt amerikanische Interessen. Europa sollte daraus die richtige Konsequenz ziehen: nicht Feindschaft mit Amerika, nicht Neutralität zwischen demokratischen Staaten und autoritären Regimen und auch keinen europäischen Trumpismus. Sondern europäische Handlungsfähigkeit.

Europa muss militärisch verteidigungsfähig, technologisch eigenständiger, energiepolitisch diversifiziert und wirtschaftlich stark genug werden, um Washington im entscheidenden Moment auch sagen zu können: Nein. Das entspricht nicht unseren Interessen.

Vielleicht liegt darin die unbeabsichtigte historische Leistung Donald Trumps: „America First“ zwingt Europa endlich dazu, über „Europe First“ nachzudenken.

Quellen

Eigene Auswertung auf Grundlage öffentlicher Äußerungen Donald Trumps und der politischen Debatte über die transatlantischen Beziehungen; Bundeszentrale für politische Bildung; Europäische Kommission; Berichterstattung deutscher und internationaler Medien zu den Beziehungen zwischen Trump-Administration, AfD und europäischen Institutionen.