Das Geschäft hinter der KI:
Wer die Daten liefert, gewinnt Macht
Künstliche Intelligenz braucht mehr als leistungsfähige Modelle und Rechenzentren. Sie braucht Informationen – aktuell, zugänglich und verlässlich. Ein Unternehmensverbund aus Litauen zeigt, welches Geschäft daraus entsteht. Für den Mittelstand geht es dabei um bessere Marktinformationen, neue Abhängigkeiten und den Wert des eigenen Wissens.
Wer über künstliche Intelligenz spricht, nennt meist die großen Modellentwickler und ihre milliardenschweren Investitionen. Weniger sichtbar sind Unternehmen, die einen wichtigen Teil der Voraussetzungen liefern: Sie organisieren den automatisierten Zugriff auf Informationen im Internet und machen diese für die weitere Verarbeitung nutzbar. Mit Source hat sich am 13. Oktober ein solcher Anbieterverbund öffentlich unter einem neuen Dach vorgestellt. Dazu gehören Oxylabs, Decodo, Webshare, Honeygain und ScrapingBee. Nach Unternehmensangaben ist der Verbund über Jahre aus dem Geschäft von Oxylabs durch eigene Entwicklungen, Übernahmen und Beteiligungen gewachsen.
Wie hoch Investoren dieses Geschäft einschätzen, zeigt eine im Juli bekanntgegebene Transaktion: Warburg Pincus investierte 130 Millionen US-Dollar in Oxylabs; dabei wurde das Unternehmen mit rund 3,6 Milliarden US-Dollar bewertet. Diese Summe bezeichnet die Bewertung im Rahmen der Finanzierung, weder den Umsatz noch das investierte Kapital. Der Investor begründet sein Engagement mit der wachsenden Bedeutung von Dateninfrastruktur für KI und automatisierte Anwendungen.
Warum KI Zugang zur Gegenwart braucht
Ein trainiertes Sprachmodell verfügt nicht automatisch über aktuelle Informationen. Preise ändern sich, Produkte verschwinden, Lieferanten ergänzen ihr Angebot. Soll eine KI solche Entwicklungen berücksichtigen, muss sie auf aktuelle Quellen zugreifen können. Datendienste können dabei helfen, Informationen aus Webseiten zu erfassen, aufzubereiten und für Anwendungen bereitzustellen.
Aktualität ist allerdings noch kein Qualitätsnachweis. Eine heute abgerufene falsche Angabe bleibt falsch. Auch können beim Erfassen und Zusammenführen wichtige Zusammenhänge verloren gehen: Gilt ein Preis nur für eine bestimmte Abnahmemenge? Ist ein Produkt tatsächlich lieferbar? Bezieht sich eine technische Spezifikation auf das richtige Modell? Erst nachvollziehbare Quellen, passende Vergleichsmaßstäbe und Kontrollen machen aus gesammelten Daten eine belastbare Entscheidungsgrundlage.
Was mittelständische Unternehmen davon haben können
Für KMU liegt ein möglicher Nutzen in Aufgaben, die bislang viel manuelle Recherche verlangen: Wettbewerbsangebote beobachten, Sortimente vergleichen, neue Lieferanten finden oder Veränderungen auf Absatzmärkten frühzeitig erkennen. Ein technischer Händler könnte beispielsweise prüfen, wie sich öffentlich angebotene Preise vergleichbarer Produkte entwickeln. Ein Hersteller könnte systematischer verfolgen, welche Leistungen Wettbewerber neu anbieten.
Entscheidend ist jedoch die betriebliche Fragestellung. Wer lediglich große Datenmengen beschafft, hat noch keinen wirtschaftlichen Vorteil. Der Nutzen entsteht, wenn eine konkrete Entscheidung besser oder eine wiederkehrende Aufgabe nachweisbar einfacher wird. Dazu gehören auch die Gesamtkosten: Datenzugang, Einrichtung, laufende Pflege und die Prüfung fehlerhafter Ergebnisse. Ein begrenzter Anwendungsfall mit überprüfbarem Ergebnis ist deshalb ein sinnvoller Ausgangspunkt.
Der Mittelstand liefert selbst den Rohstoff
Die Entwicklung hat eine zweite Seite. Unternehmen veröffentlichen Produktinformationen, technische Erläuterungen, Anwendungsbeispiele und Fachbeiträge, um Kunden zu gewinnen. In diesen Inhalten stecken Arbeitszeit, Erfahrung und Geld. Zugleich können sie zur Informationsgrundlage automatisierter Dienste werden.
Daraus entsteht ein wirtschaftlicher Interessenkonflikt: Ein Unternehmen möchte mit seinem Wissen gefunden werden. Es möchte aber auch selbst von dessen Wert profitieren. Wenn eine KI die gesuchte Auskunft bereits zusammenfasst, kann der Besuch auf der ursprünglichen Website entfallen. Ob daraus zusätzliche Sichtbarkeit, neue Kundenkontakte oder vor allem Wertschöpfung bei anderen entsteht, ist für Mittelständler und Fachverlage gleichermaßen relevant.
„Ethisch“ ist ein Anspruch, der überprüfbar sein muss
Source betont die verantwortungsvolle und ethische Beschaffung öffentlich zugänglicher Webdaten. Das ist zunächst die Selbstdarstellung des Anbieters. Für eine fundierte Bewertung müsste das Unternehmen konkret erklären, wie es die Herkunft seiner Datenzugänge kontrolliert, Einwände von Websitebetreibern behandelt und die Einhaltung seiner Regeln überprüft. Die PR-Anfrage allein beantwortet diese Fragen nicht.
Auch das Versprechen eines offenen Internets verdient eine wirtschaftliche Prüfung. Ein offenes Netz ermöglicht Recherche, Wettbewerb und Innovation. Gleichzeitig müssen diejenigen, die hochwertige Informationen erstellen, ihre Arbeit finanzieren können. Eine tragfähige Datenwirtschaft braucht deshalb nachvollziehbare Bedingungen zwischen Informationsanbietern, Datendienstleistern und KI-Unternehmen.
Europäischer Standort, internationale Kapitalinteressen
Der Aufbau eines solchen Unternehmensverbunds in Litauen zeigt, dass europäische Unternehmen auch bei der Infrastruktur für KI eine Rolle spielen können. Daraus folgt jedoch noch keine umfassende digitale Unabhängigkeit. Der Einstieg des in New York ansässigen Investors Warburg Pincus macht die internationale Kapitalverflechtung sichtbar. Für Kunden bleiben daher konkrete Fragen entscheidend: Wer ist Vertragspartner, wo werden Daten verarbeitet, welche Unterauftragnehmer wirken mit und wie aufwendig wäre ein Anbieterwechsel?
