Banken modernisieren – doch wer behält die Kontrolle?
Banken müssen ihre IT erneuern. Doch der Wechsel von gewachsenen Kernbanksystemen zu modularen Plattformen und Cloud-Diensten löst die Probleme nicht automatisch. Er kann neue Abhängigkeiten schaffen und Verantwortlichkeiten verwischen. Für den Mittelstand steht dabei viel auf dem Spiel: ein verlässlicher Zahlungsverkehr, verfügbare Kontodaten und eine Hausbank, die auch während ihres technischen Umbaus handlungsfähig bleibt.
Die Modernisierung der Bank-IT ist längst eine Frage der wirtschaftlichen Verlässlichkeit. Die Europäische Zentralbank zählt operative Widerstandsfähigkeit und robuste IT-Fähigkeiten zu ihren Aufsichtsprioritäten für die Jahre 2026 bis 2028. Dabei geht es ausdrücklich darum, erkannte Schwächen zu beheben – etwa beim Umgang mit technischen Dienstleistern sowie bei der Zusammenführung und Auswertung von Risikodaten. Die bloße Bestandsaufnahme reicht der Aufsicht nicht mehr. Der Handlungsdruck ist also real. Daraus folgt allerdings noch keine technische Patentlösung: Wer heute „modular“, „cloudbasiert“ oder „KI-fähig“ sagt, hat damit weder die Zuverlässigkeit eines Systems noch dessen wirtschaftlichen Nutzen nachgewiesen. Entscheidend ist, ob eine Bank ihre Abläufe beherrscht und ihre Verantwortung gegenüber den Kunden wahrnehmen kann.
Schrittweise erneuern – mit einem klaren Gesamtplan
Kernbanksysteme bilden zentrale Bankfunktionen ab, etwa die Kontoführung und die Verarbeitung von Buchungen. Über lange Zeit sind darum weitere Anwendungen und Verbindungen gewachsen. Ein vollständiger Austausch kann entsprechend tief in den laufenden Geschäftsbetrieb eingreifen. Es ist deshalb nachvollziehbar, einzelne Funktionen schrittweise zu modernisieren und bewährte Bestandteile zunächst weiterzubetreiben. Auch Karl im Brahm, CEO DACH des Bankensoftwareanbieters Objectway, wirbt in einer aktuellen Stellungnahme für einen solchen etappenweisen Umbau. Sein Hinweis auf die Risiken schlecht verbundener Einzellösungen verdient Beachtung. Zugleich spricht hier ein Anbieter, der selbst Lösungen für diese Transformation verkauft. Seine Einschätzung ist als fachlicher Beitrag einzuordnen, nicht als unabhängiger Nachweis für die Überlegenheit eines bestimmten Geschäftsmodells.
Ein schrittweiser Umbau braucht eine verbindliche Vorstellung davon, wie das Gesamtsystem funktionieren soll. Welche Anwendung liefert die maßgeblichen Daten? Wer darf sie verändern? Wer erkennt einen Fehler, und wer muss ihn beheben? Bleiben diese Fragen offen, kann aus einem schwerfälligen Altsystem eine ebenso schwer beherrschbare Sammlung neuer Anwendungen werden. Einzelne Komponenten lassen sich dann womöglich schneller verändern, während das Zusammenspiel insgesamt unübersichtlicher wird.>Viele Anbieter bedeuten noch keine Unabhängigkeit
Der Einsatz spezialisierter Software kann sinnvoll sein. Eine Bank muss nicht jede Funktion von einem einzigen Hersteller beziehen. Doch mit jeder zusätzlichen Komponente entstehen Verbindungen, die gepflegt, überwacht und abgesichert werden müssen. Die technische Vielfalt kann dadurch den Abstimmungsaufwand erhöhen und neue Abhängigkeiten schaffen. Digitale Souveränität bemisst sich deshalb nicht an der Zahl der Lieferanten. Entscheidend ist, ob die Bank einen Anbieter wechseln, ihre Daten vollständig übernehmen und wichtige Leistungen bei einer Störung weiter erbringen kann. Eine vertragliche Ausstiegsmöglichkeit ist wenig wert, wenn der Wechsel praktisch kaum durchführbar oder wirtschaftlich untragbar wäre.
Auch der Standort eines Rechenzentrums beantwortet diese Fragen nicht allein. Zur Bewertung gehören ebenso die rechtlichen Zugriffsmöglichkeiten, die Kontrolle über technische Zugänge, die Datenformate und die Bedingungen einer Vertragsbeendigung. Diese Punkte müssen vor der Auslagerung geklärt werden. Wenn eine Abhängigkeit erst im Konfliktfall sichtbar wird, ist der Handlungsspielraum meist bereits geschrumpft. Die Kontrolle über eine Bank darf nicht schleichend zu ihren Technologielieferanten wandern.
Der Mittelstand braucht eine Bank, die funktioniert
Für mittelständische Unternehmen sind solche Architekturfragen selten unmittelbar sichtbar. Spürbar werden sie, sobald Zahlungen stocken, Kontoinformationen fehlen oder Unterlagen wiederholt eingereicht werden müssen. Dann wird aus einem internen IT-Problem der Bank zusätzlicher Aufwand im Betrieb. Gerade deshalb darf sich der Erfolg einer Modernisierung nicht allein an den internen Kosten der Bank messen lassen. Ebenso wichtig ist, ob die Dienstleistungen für Kunden verlässlicher und verständlicher werden. Eine digitale Umstellung verfehlt ihren Zweck, wenn sie Arbeit lediglich auf die Unternehmen verlagert. Zusätzliche Portale, wechselnde Zugangswege oder wiederholte Datenabfragen bringen einem kleinen Betrieb keinen Fortschritt.
Zur Verantwortung der Hausbank gehört daher auch, ihre Firmenkunden durch Veränderungen zu begleiten und bei Störungen erreichbar zu bleiben. Ein Betrieb muss erkennen können, wer zuständig ist und wie ein Problem gelöst wird – unabhängig davon, wie viele Dienstleister im Hintergrund beteiligt sind. Die interne Aufteilung zwischen Bank, Softwarehaus und Cloud-Betreiber darf für Kunden nicht zur Suche nach einem Verantwortlichen werden.
KI braucht verlässliche Daten und klare Zuständigkeiten
Besonders deutlich wird die Bedeutung geordneter Daten beim Einsatz künstlicher Intelligenz. Greifen Anwendungen auf widersprüchliche oder veraltete Informationen zu, können auch plausibel formulierte Ergebnisse falsch sein. Je stärker solche Ergebnisse in Arbeitsabläufe einfließen, desto wichtiger werden die Prüfung ihrer Grundlagen und eine nachvollziehbare Verantwortungsverteilung. Bevor Banken weitere KI-Anwendungen einführen, müssen sie daher klären, welche Daten verbindlich sind, wer ihre Qualität kontrolliert und wie fehlerhafte Ergebnisse korrigiert werden. Wer ungeordnete Prozesse automatisiert, riskiert, seine Fehler schneller zu verbreiten. Der Verweis auf eine leistungsfähige Technologie ersetzt diese Vorarbeit nicht.
Fazit:
Verantwortung lässt sich nicht auslagern
Die Erneuerung der Bank-IT ist notwendig. Modulare Systeme können dabei helfen, Veränderungen beherrschbar zu machen. Ihr Nutzen hängt jedoch davon ab, ob die Bank Daten, Schnittstellen, Dienstleister und Zuständigkeiten unter Kontrolle behält. Für den Mittelstand zählt am Ende die praktische Leistung: Zahlungen müssen funktionieren, Informationen müssen stimmen und Ansprechpartner Verantwortung übernehmen. Banken dürfen Technik einkaufen und Dienstleistungen auslagern.
Die Verantwortung gegenüber ihren Kunden bleibt bei ihnen. Daran sollte sich die Modernisierung messen lassen.
Quellen und Einordnung:
EZB-Bankenaufsicht: Aufsichtsprioritäten 2026–2028;
Objectway-Presseinformation vom 23. September 2026.
Die Aussagen des Unternehmens wurden als
Anbieterperspektive eingeordnet.
Bewertung und Schlussfolgerungen: Mittelstandsjournal.

