„Krieg der Medien“: Auf in die Schlacht gegen Dark Tech
HINTERGRUND & ANALYSE
Medienwissenschaftler Martin Andree rechnet mit Big Tech, Plattformlogik und digitalem Phlegmatismus in Europa ab – und warnt: Ohne digitale Souveränität droht demokratischer Realitätsverlust.
Mit „Krieg der Medien“ legt der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree keine nüchterne Studie vor, sondern ein kämpferisches Manifest: Seine Diagnose lautet, dass die digitale Öffentlichkeit nicht mehr primär demokratischer Raum ist, sondern zunehmend Infrastruktur privater Macht.
Was Andree mit „Dark Tech“ meint
Andree verwendet den Begriff „Dark Tech“ als Sammelbezeichnung für Technologien und Plattformstrukturen, die
intransparent operieren, sich der wirksamen Kontrolle entziehen und gesellschaftlich destruktive Nebenwirkungen
nicht nur in Kauf nehmen, sondern oft systemisch verstärken.
- Intransparenz: Regeln entstehen in Produktentscheidungen, nicht in demokratischen Verfahren.
- Aufmerksamkeitsökonomie: Belohnt wird, was bindet – nicht, was stimmt oder nützt.
- Manipulationsanreize: Daten, Tests und Personalisierung ermöglichen Verhaltenssteuerung im großen Stil.
- Machtkonzentration: Wenige Plattformen dominieren Reichweite, Werbemärkte und Diskurszugang.
Plattformlogik und Populismus: eine gefährliche Passung
Andrees Kernthese: Plattformen sind längst nicht mehr neutrale Verbreitungskanäle. Sie setzen Anreize, die Polarisierung,
Zuspitzung und Skandalisierung strukturell begünstigen. Das schafft ein Umfeld, in dem populistische Kommunikationsstile
„plattformgerecht“ wirken – und dadurch überproportional Reichweite gewinnen.
Verhaltensmanipulation statt „digitale Befreiung“
Besonders hart geht Andree mit dem Versprechen der Tech-Welt ins Gericht, digitale Tools würden automatisch zu mehr Freiheit führen. In seinem Bild kippt das Narrativ: Aus Emanzipation wird Bindung, aus Autonomie wird Steuerbarkeit.
Nutzerinnen und Nutzer bewegen sich in Systemen, die auf maximale Verweildauer, maximale Reizdichte und maximale Datengewinnung optimiert sind.
Europa ohne digitale Souveränität
Der politische Sprengstoff liegt in Andrees Folgerung: Demokratien verlieren Handlungsmacht, wenn ihre Diskursräume,
Werbemärkte und Kommunikationsinfrastrukturen von wenigen privaten Akteuren abhängen. Andree nennt das eine Form
digitaler Abhängigkeit, die nicht nur Kultur, sondern Staatlichkeit betrifft.
Was fehlt: die konkrete Utopie
So überzeugend Andree die Diagnose zuspitzt – er selbst lässt eine robuste „Zielarchitektur“ offen:
Wie sähe eine digitale Öffentlichkeit aus, die nicht nach Reichweite, sondern nach Relevanz funktioniert?
Wie organisiert man Gemeinwohl und Wettbewerbsfähigkeit, ohne in Überregulierung oder Symbolpolitik zu enden?
Andree deutet Lösungsrichtungen an – strengere Regulierung, Medienbildung, öffentliche Investitionen, europäische Alternativen,
föderierte Modelle (z. B. im Umfeld des Fediverse). Doch der Weg von der Kritik zur Implementierung bleibt stellenweise vage.
Warum das für den Mittelstand kein Nebenkriegsschauplatz ist
Für KMU ist Plattformmacht nicht nur eine Frage der politischen Debattenkultur. Sie betrifft Reichweite, Werbekosten, Markenbildung, Reputationsrisiken und Abhängigkeiten in der digitalen Kundenkommunikation. Wenn Sichtbarkeit algorithmisch zugeteilt wird, entstehen neue Formen von Markt- und Informationsmacht.
Das Buch
Martin Andree: Krieg der Medien.
Dark Tech und Populisten übernehmen die Macht.
Campus Verlag, Frankfurt/New York 2025,
256 Seiten, 28 Euro.
Quelle/Anstoß:
Buchbesprechung von Stephan Weichert (taz), 26.08.2025.
(Inhalt für MJ redaktionell verdichtet und eingeordnet.)
