Pflege als Geschäft – wer soll daran verdienen?

Pflege als Geschäft

Berlin / Pflege / Daseinsvorsorge

In Berlin entsteht der Eindruck, Pflege sei zu einem Wachstumsmarkt geworden. Doch die Zahlen erzählen eine differenziertere Geschichte. Klassische Pflegeheime vermehren sich keineswegs explosionsartig. Gleichzeitig ist Pflege längst ein Markt für private Betreiber und Immobilieninvestoren. Wenn nun die SPD die Eigenanteile der Pflegebedürftigen deckeln und damit die solidarische Finanzierung ausweiten will, muss deshalb eine weitere Frage gestellt werden: Wer verdient eigentlich an der Pflege?

Wer sich in Berlin umsieht, kann leicht den Eindruck gewinnen, Pflegeeinrichtungen schießen wie Pilze aus dem Boden. Pflegedienste, Pflege-WGs, Seniorenwohnen und betreute Wohnformen sind unübersehbar. Angesichts einer alternden Gesellschaft liegt die Vermutung nahe: Pflege ist zu einem lukrativen Wachstumsmarkt geworden. Doch ausgerechnet bei den klassischen Pflegeheimen bestätigt die Statistik diesen Eindruck nicht. Interessant wird es erst, wenn man genauer hinsieht.

Die amtliche Berliner Pflegestatistik erfasste Ende 2023 insgesamt 388 Pflegeheime im statistischen Sinn. Davon wurden 185 privat, 179 freigemeinnützig und lediglich 24 öffentlich getragen. Der unmittelbar öffentliche Anteil lag damit bei gerade einmal gut sechs Prozent.

Schon diese Zahlen werfen eine grundsätzliche Frage auf: Ist Pflege eine normale wirtschaftliche Dienstleistung – oder gehört sie zur öffentlichen Daseinsvorsorge?

Pflege ist kein normaler Markt

Natürlich spricht zunächst nichts dagegen, dass ein privates Unternehmen eine gesellschaftlich notwendige Leistung erbringt und damit Geld verdient. Bäcker, Handwerker oder Lebensmittelhändler tun das schließlich ebenfalls. Bei der Pflege liegen die Dinge jedoch anders.
Ein Pflegebedürftiger kann auf die benötigte Leistung nicht verzichten, weil ihm der Preis zu hoch ist. Er kann seinen Bedarf auch nicht beliebig reduzieren. Gleichzeitig lassen sich die größten Kostenblöcke – insbesondere qualifiziertes Personal – nicht einfach durch Rationalisierung beseitigen, ohne dass dies Auswirkungen auf die Versorgung haben kann.

Hinzu kommt: Ein erheblicher Teil der Pflege wird solidarisch finanziert. Die Pflegeversicherung ist allerdings ausdrücklich nur als Teilabsicherung konzipiert. Was sie nicht übernimmt, müssen Pflegebedürftige zunächst selbst tragen.

Und diese Belastung steigt rasant. Zum 1. Juli 2026 musste ein Pflegebedürftiger im ersten Jahr seines Heimaufenthaltes bundesweit durchschnittlich 3.364 Euro im Monat selbst bezahlen. Ein Jahr zuvor waren es 3.108 Euro. Von den aktuellen 3.364 Euro entfallen durchschnittlich 1.775 Euro auf den pflegebedingten Eigenanteil einschließlich Ausbildungskosten nach Zuschuss, 1.068 Euro auf Unterkunft und Verpflegung und 521 Euro auf Investitionskosten.

Für Berlin ist der reine pflegebedingte Eigenanteil besonders hoch: Vor den nach Aufenthaltsdauer gestaffelten Zuschüssen weist der Verband der Ersatzkassen zum 1. Juli 2026 2.410 Euro monatlich aus.

Die SPD will einen Pflegekostendeckel

Damit bekommt der aktuelle Vorstoß der SPD erhebliche Bedeutung. Die Partei fordert, den sogenannten einrichtungseinheitlichen Eigenanteil zunächst auf 1.500 Euro monatlich zu begrenzen. In einem zweiten Schritt sollen die Zuschüsse der Pflegeversicherung erst auf diesen gedeckelten Betrag angewendet werden. Unterkunft, Verpflegung und weitere Kosten wären damit allerdings nicht automatisch auf 1.500 Euro begrenzt.

Das ist wichtig, denn der Begriff „Pflegekostendeckel“ kann leicht den Eindruck erwecken, ein Heimplatz koste den Bewohner künftig höchstens 1.500 Euro. Das ist nicht gemeint.

Der SPD-Vorschlag würde vielmehr einen Teil der bisherigen Belastung vom einzelnen Pflegebedürftigen wegnehmen und solidarisch finanzieren. Für die erste Stufe werden zusätzliche Kosten von rund einer Milliarde Euro genannt, für die weitergehende zweite Stufe etwa drei Milliarden Euro. Als Finanzierungsmöglichkeiten werden unter anderem eine höhere Beitragsbemessungsgrenze, eine stärkere Beteiligung der privaten Pflegeversicherung und zusätzliche Bundesmittel genannt.

Das frühere SPD-Programm ging sogar noch weiter. Dort wurde ein Pflegekostendeckel von 1.000 Euro gefordert; außerdem sollten Investitionsaufwendungen der Heime künftig nicht mehr vollständig auf die Bewohner umgelegt werden dürfen.

Sozialpolitisch lässt sich der Wunsch nach Entlastung leicht nachvollziehen. Aber ein Kostendeckel senkt zunächst nicht die tatsächlichen Kosten der Pflege. Er verändert vor allem, wer sie bezahlt.

Und damit kommen wir zur Eigentumsfrage.

Wenn die Gemeinschaft bezahlt, muss über Rendite gesprochen werden

Wenn der einzelne Pflegebedürftige weniger tragen soll, müssen andere einen größeren Teil übernehmen: Pflegeversicherung, Beitragszahler oder Steuerzahler. Damit wächst zwangsläufig der Anteil der Pflegekosten, der gemeinschaftlich finanziert wird.

Gleichzeitig ist Pflege längst auch Gegenstand des Kapitalmarktes. Besonders deutlich wird dies bei den Immobilien.

Nach Angaben des Immobilienberaters Cushman & Wakefield wurden allein im ersten Halbjahr 2026 auf dem deutschen Markt für Gesundheitsimmobilien Transaktionen im Umfang von rund 1,82 Milliarden Euro registriert. Das war bereits rund 50 Prozent mehr als im gesamten Jahr 2025. Für Pflegeheime wird eine Spitzenrendite von 5,1 Prozent, für betreutes Wohnen von 4,5 Prozent genannt.

Im ersten Quartal 2026 stammten nach diesen Marktdaten sogar knapp 90 Prozent des eingesetzten Kapitals aus internationalen Quellen.

Dabei muss sauber unterschieden werden: Eine Immobilienrendite von 5,1 Prozent ist nicht der Gewinn des Pflegeheimbetreibers. Betreiber und Eigentümer des Gebäudes können völlig verschiedene Unternehmen sein. Gerade diese Trennung macht die Sache interessant.

Der Bewohner bezahlt schließlich nicht nur Pflege. In seiner Rechnung stecken auch Unterkunft und Verpflegung sowie Investitionskosten. Das Gebäude, in dem gepflegt wird, kann gleichzeitig Anlageobjekt eines Investors sein.

So entsteht eine bemerkenswerte Konstellation: Eine gesellschaftlich notwendige Leistung wird zu erheblichen Teilen solidarisch finanziert, während die dafür benötigte Infrastruktur gleichzeitig Bestandteil eines internationalen Investmentmarktes ist.

Das ist nicht automatisch verwerflich. Aber es ist erklärungsbedürftig.

Sind private Heime besser oder effizienter?

Häufig wird Privatisierung mit höherer Effizienz begründet. Für die Pflege lässt sich eine solche Überlegenheit keineswegs selbstverständlich voraussetzen.

Eine deutsche wissenschaftliche Untersuchung wertete Daten aus Qualitätsprüfungen von mehr als 10.000 Pflegeheimen aus. 41 Prozent der untersuchten Häuser waren gewinnorientiert. Sie waren im Durchschnitt zwar etwa zehn Prozent günstiger als nicht gewinnorientierte Einrichtungen, schnitten aber in fünf von sechs untersuchten Qualitätsbereichen schlechter ab. In vier Bereichen blieb dieser Unterschied auch unter Berücksichtigung des Preises bestehen.

Die Untersuchung stammt allerdings aus dem vergangenen Jahrzehnt. Sie erlaubt deshalb keine pauschale Aussage, dass ein privates Pflegeheim heute schlechter sein müsse als ein kommunales oder gemeinnütziges.

Sie zeigt aber etwas anderes: Die Behauptung, private Trägerschaft führe automatisch zu höherer Effizienz und mindestens gleicher Qualität, ist keineswegs selbstverständlich.

Daseinsvorsorge heißt nicht zwangsläufig Verstaatlichung

Damit kommen wir zur eigentlichen politischen Frage. Gesundheit und Pflege gehören zur Daseinsvorsorge. Daraus folgt nicht zwingend, dass morgen jedes private Pflegeheim verstaatlicht werden müsste. Deutschland verfügt zudem über eine starke Tradition freigemeinnütziger Träger. In Berlin betreiben sie fast ebenso viele Einrichtungen wie private Unternehmen.

Zwischen einem vollständig privatwirtschaftlichen Markt und vollständiger Verstaatlichung gibt es deshalb zahlreiche Modelle. Man kann kommunale und landeseigene Einrichtungen stärken. Man kann gemeinnützige Träger fördern. Man kann Transparenz darüber verlangen, wohin Pflegeentgelte und öffentliche Mittel fließen. Man kann Betreibergewinne von Immobilienrenditen unterscheiden und überprüfen, welche Kosten tatsächlich der Pflege dienen.

Und man kann schließlich auch über Entprivatisierung dort sprechen, wo öffentliche Finanzierung und private Rendite in ein problematisches Verhältnis geraten.

Entscheidend ist, diese Diskussion nicht ideologisch, sondern anhand der tatsächlichen Geldströme zu führen.

Der Pflegekostendeckel reicht als Antwort nicht

Die SPD stellt eine wichtige Frage: Wie verhindern wir, dass Pflegebedürftigkeit für Menschen und Familien zu einem kaum tragbaren finanziellen Risiko wird?

Aber mit der Antwort „Pflegekostendeckel“ beginnt die Diskussion erst. Wenn künftig zusätzliche Milliarden solidarisch finanziert werden sollen, muss gleichzeitig transparent werden, wohin diese Milliarden fließen.

Wie viel kostet die eigentliche Pflege? Wie viel entfällt auf Personal? Wie hoch sind Verwaltungskosten? Welche Mieten zahlen Betreiber an Immobilieneigentümer? Welche Renditen werden dort erzielt? Welche Gewinne verbleiben beim Betreiber? Und welcher Teil davon wird letztlich durch Beiträge und Steuern ermöglicht?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich seriös beurteilen, ob zusätzliche Milliarden lediglich ein bestehendes System stabilisieren – oder ob dessen Strukturen verändert werden müssen.

Fazit

Der Ausgangspunkt war eine einfache Beobachtung: In Berlin scheint das Geschäft mit der Pflege zu boomen.
Die Zahlen zeigen ein komplizierteres Bild. Nicht eine explosionsartige Vermehrung klassischer Pflegeheime ist das eigentliche Thema. Bemerkenswert sind vielmehr die Eigentumsverhältnisse und die zunehmende Verflechtung von Pflege, öffentlicher Finanzierung und einem eigenständigen Markt für Pflegeimmobilien.
Wenn die Gesellschaft künftig einen noch größeren Teil der Pflegekosten übernehmen soll, darf deshalb die Eigentumsfrage nicht ausgeklammert werden.
Pflege ist Daseinsvorsorge. Wer einen Pflegekostendeckel fordert, muss deshalb auch beantworten, welche Kosten die Gemeinschaft übernehmen soll – und welche privaten Renditen sie damit mittelbar finanziert.

Quellen

Amt für Statistik Berlin-Brandenburg: Ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen sowie Empfänger von Pflegegeldleistungen in Berlin 2023.
Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege Berlin: Landespflegeplan 2025.
Verband der Ersatzkassen (vdek): Finanzielle Belastung in der stationären Pflege, Stand 1. Juli 2026.
SPD: Programm und Forderungen zur Begrenzung der Eigenanteile in der stationären Pflege.
ARD-Hauptstadtstudio / tagesschau.de: SPD-Vorschlag zum Pflegekostendeckel, September 2026.
Cushman & Wakefield: Gesundheitsimmobilienmarkt Deutschland, 2026.
Kraska et al.: Untersuchung zu Qualität, Preis und Gewinnorientierung deutscher Pflegeheime.