Windkraft: Allgäuer Ingenieurskunst für neue Höhen
Unternehmen & Praxis
Am Bau des weltweit höchsten Windrads in Schipkau ist auch ein Spezialmaschinenbauer aus dem Allgäu beteiligt: Die ematec AG aus Memmingerberg lieferte die Technik zur Montage der Rotorblätter. Das Projekt zeigt, welche Rolle spezialisierte Unternehmen bei der industriellen Umsetzung der Energiewende spielen.
Große Energieprojekte werden häufig mit den Namen ihrer Entwickler und Anlagenhersteller verbunden. Ob sie sich tatsächlich bauen lassen, entscheidet sich jedoch auch an Aufgaben, die weniger öffentliche Aufmerksamkeit erhalten: Wie wird ein tonnenschweres Rotorblatt angehoben, ausgerichtet und sicher an der Nabe befestigt? Und wie gelingt das, wenn die Turmkonstruktion wenig Bewegungsspielraum lässt?
Diese Aufgabe übernahm beim GICON-Höhenwindturm in Schipkau eine Rotorblatttraverse der ematec AG. Das Unternehmen aus Memmingerberg bei Memmingen entwickelt Sondermaschinen und Handhabungstechnik. Seine Traverse vom Typ RBC-D ermöglicht nach Unternehmensangaben die Montage von Rotorblättern in unterschiedlichen Neigungswinkeln.
Besondere Konstruktion, anspruchsvolle Montage
Der Höhenwindturm hat nach Angaben von GICON und der Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND seine Gesamthöhe von 365 Metern erreicht. Die Nabe liegt auf 300 Metern Höhe. Das Konzept soll die stärkeren und gleichmäßigeren Winde höherer Luftschichten erschließen.
Dafür wurde eine mehrteilige Stahl- und Gitterkonstruktion entwickelt. Die Rotorblätter wurden zunächst in etwa 150 Metern Höhe montiert. Anschließend wurde der innere Turm mit der Anlage auf seine endgültige Höhe ausgefahren. Das Erreichen der Bauhöhe und die Inbetriebnahme sind dabei getrennte Projektschritte.
Bei der Blattmontage stellte die ausladende Tragkonstruktion eine besondere Herausforderung dar. Zwischen Turm, Hebezeug und Rotorblatt blieb weniger Platz als bei herkömmlichen Anlagen. Die Blätter mussten deshalb gezielt geneigt und präzise geführt werden.
15 Tonnen sicher im Griff
Nach der vorliegenden Projektmitteilung sind die eingesetzten Rotorblätter jeweils 61,6 Meter lang und wiegen rund 15 Tonnen. Die Montage aller drei Blätter dauerte demnach knapp zwölf Stunden. Beteiligt waren neben dem Anlagenhersteller Vensys unter anderem die Montagespezialisten EZ Wind und DH Renewables.
Die RBC-D kann Rotorblätter laut ematec um bis zu 30 Grad in beide Richtungen neigen. Eine anpassbare Blattaufnahme und bewegliche Gegengewichte dienen dazu, die Last auszubalancieren. Zusätzliche obere Greifer halten das Blatt auch in geneigter Position fest. Für die Montage bedeutet das mehr kontrollierten Bewegungsspielraum unter beengten Bedingungen.
Spezialwissen als Geschäftsgrundlage
Aus Sicht des Mittelstands liegt die Bedeutung des Projekts nicht allein im Höhenrekord. Es veranschaulicht, wie spezialisierte Unternehmen durch die Lösung eines konkreten technischen Problems Teil großer industrieller Vorhaben werden.
Mit wachsenden Anlagen verändern sich auch die Anforderungen an Transport, Montage und Wartung. Daraus entstehen Aufgaben für Maschinenbauer und Dienstleister, die entsprechende Erfahrung und geeignete Technik mitbringen. Der Einsatz in Schipkau ist für ematec damit zugleich eine Referenz für weitere Projekte.
Das Unternehmen bietet seine RBC-D-Traversen nach eigenen Angaben inzwischen auch zur Miete an. Für Montagedienstleister kann das den Zugang zu Spezialtechnik erleichtern, ohne selbst unmittelbar in deren Kauf investieren zu müssen. Ob sich die Miete rechnet, hängt von Einsatzhäufigkeit, Konditionen und Projektplanung ab.
Die wirtschaftliche Bewährungsprobe folgt
GICON strebt nach dem Pilotprojekt eine Serienfertigung des Höhenwindturms an. Ob das Konzept einen breiteren Markt erreicht, wird sich allerdings an Betriebserfahrungen, Genehmigungen sowie Bau-, Wartungs- und Stromerzeugungskosten entscheiden. Ein Höhenrekord allein beantwortet diese Fragen noch nicht.
Fazit: Der Beitrag von ematec zeigt, wie wichtig spezialisierte Montagetechnik für neue Energieanlagen ist. Für den Mittelstand entstehen Chancen dort, wo technische Erfahrung ein konkretes Problem löst. In Schipkau hat Ingenieurskunst aus dem Allgäu dazu beigetragen, ein außergewöhnliches Bauvorhaben umzusetzen. Die wirtschaftliche Bewährungsprobe des Höhenwindkonzepts folgt im Betrieb.
Quellen:
Unternehmens- und Projektmitteilung der ematec AG
über Jensen media, Ingo Jensen.
Ergänzende Projektinformationen:
GICON
und
SPRIND.
Technische Angaben zur Traverse nach Herstellerinformationen.
Redaktionelle Bearbeitung und Einordnung: Mittelstandsjournal.
Jürgen E. Metzger
