Wenn der Großhandel die Speisekarte bestimmt
METRO streicht Sortimente und konzentriert sich auf Gastronomiebedarf. Doch wer Vielfalt aus den Regalen nimmt, verändert mehr als seine Lagerhaltung: Er beeinflusst die Möglichkeiten unabhängiger Wirte – und riskiert die Bindung langjähriger Kunden.
Ein Kommentar von Jürgen E. Metzger
Über Jahrzehnte gehörte METRO für mich zum unternehmerischen Alltag. Lebensmittel, Hemden, Hosen, Anzüge – selbst Frack und Smoking stammten von dort. Eingekauft wurde in München und Berlin, aber auch in Rom und Salzburg. Der Reiz lag in der Verbindung von Auswahl, Qualität und einem Preis, der die Fahrt zum Großmarkt rechtfertigte.
Beim Besuch unseres Berliner Stammmarktes Marienfelde im Mai 2026 war die vertraute Bekleidungsabteilung verschwunden. Auch bei Lebensmitteln vermisse ich inzwischen vieles: Weetabix, besondere Produkte, die frühere Gewürzauswahl. Frischfisch bleibt aus meiner Sicht eine Stärke, teilweise auch Fleisch. Bei zahlreichen anderen Waren erkenne ich gegenüber Discountern, Edeka, Rewe oder Kaufland keinen überzeugenden Preisvorteil.
Das ist eine persönliche Einkaufserfahrung, keine bundesweite Sortimentsaufnahme und kein systematischer Preisvergleich. Sie stellt dennoch eine berechtigte Frage: Warum soll ein langjähriger Kunde weiterkommen, wenn Auswahl und Preisargument gleichzeitig schwächer werden?
Vom Einkaufshaus zum spezialisierten Versorger
Hinter der Veränderung steht eine bewusste Strategie. Mit „sCore“ kündigte METRO bereits 2022 die konsequentere Ausrichtung auf Hotels, Restaurants, Caterer und Wiederverkäufer an. Märkte sollen zugleich stärker als Ausgangspunkte für die Belieferung dienen. Im Juli 2026 berichteten Fach- und Wirtschaftsmedien über eine Reduzierung des deutschen Sortiments von mehr als 40.000 auf rund 25.000 Produkte.[1][2]
Nonfood wird dabei keineswegs vollständig abgeschafft. Der Katalog vom Juni 2026 zeigt, wohin die Reise geht: Küchentechnik, Geschirr, Lagerausstattung, Tischwäsche, Kochbekleidung und Schürzen. Das frühere breite Angebot, zu dem auch persönliche Bekleidung gehörte, tritt gegenüber unmittelbar gastronomisch nutzbaren Waren zurück.[3]
Betriebswirtschaftlich lässt sich das erklären. Weniger Artikel vereinfachen Einkauf und Lagerhaltung, bündeln Mengen und können Kapitalbindung sowie Abschriften senken. Aber eine Sortimentsposition hat mehr als ihren isoliert berechneten Ertrag: Sie kann der Anlass sein, überhaupt in den Markt zu fahren.
Wer wegen eines besonderen Lebensmittels oder eines Anzugs kam, kaufte möglicherweise gleich den übrigen Bedarf mit. Wird der Anlass gestrichen, kann ein ganzer Einkauf verloren gehen. Kundenbindung lässt sich nicht allein am Warenumschlag einzelner Artikel ablesen.
Ein kleineres Sortiment ist noch kein besseres Angebot
Ein Großhändler muss nicht jede Spezialität führen. Ebenso wenig bedeutet weniger Auswahl automatisch schlechtere Qualität. Überflüssige Doppelungen zu beseitigen kann vernünftig sein.
Die entscheidende Frage lautet jedoch: Verschwinden tatsächlich nur austauschbare Artikel – oder auch Produkte, die eigenständiges Kochen ermöglichen?
Gerade bei Gewürzen, besonderen Zutaten und unterschiedlichen Qualitäten ist Vielfalt kein dekorativer Luxus. Sie gehört zum Handwerkszeug einer Küche mit eigener Handschrift. „Professioneller Bedarf“ umfasst auch die Bedürfnisse eines Wirts, der sich bewusst vom überall Verfügbaren unterscheiden will.
Falls die Straffung überdies keine spürbaren Preisvorteile bringt, wird das Angebot doppelt angreifbar. Der Kunde erhält weniger Auswahl, ohne dafür erkennbar günstiger einzukaufen. Dann muss METRO umso überzeugender erklären, worin sein Mehrwert besteht.
Die Kosten verschwinden nicht – sie wechseln den Betrieb
Für einen kleinen Gastronomen ist die Auslistung einer Zutat mehr als eine Lücke im Regal. Er braucht einen anderen Lieferanten, muss Bestellungen abstimmen, Mindestmengen erreichen, zusätzliche Lieferungen annehmen oder selbst weitere Einkaufswege zurücklegen.
Was beim Großhändler als Effizienzgewinn erscheint, kann beim Kunden zusätzlichen Aufwand auslösen. Ein Teil der Einsparung wird dann lediglich in die Küche und das Büro des Wirts verlagert.
Hier beginnt die kulturpolitische Dimension der Sortimentsentscheidung: Was einfach, zuverlässig und wirtschaftlich beschaffbar ist, beeinflusst, was auf der Speisekarte steht. Werden besondere Zutaten umständlicher zugänglich, wächst der Anreiz, Gerichte auf das verbleibende Standardsortiment zuzuschneiden.
Das ist kein Beweis dafür, dass METRO gezielt Fastfood fördern will. Es ist aber ein plausibles Risiko: Ein auf Vereinheitlichung ausgerichtetes Beschaffungsangebot kann standardisierte Küchenkonzepte begünstigen und individuelle Betriebe zusätzlich belasten.

