Reiche und Lambrecht – zwei Fälle politischer Fehlbesetzung?

Kommentar & Analyse
Die Personalie Katherina Reiche wird inzwischen nicht mehr nur unter dem Gesichtspunkt der Konzernnähe diskutiert. Zunehmend geht es um eine grundsätzlichere Frage: War ihre Berufung ins Wirtschaftsministerium eine politische Fehlentscheidung?
Der Vergleich mit Christine Lambrecht drängt sich auf – nicht weil beide Fälle identisch wären, sondern weil in beiden Ressorts am Ende derselbe Eindruck entstand: Ein Schlüsselministerium wurde personell nicht so besetzt, wie es die Lage des Landes eigentlich verlangt hätte.
Katherina Reiche ist seit dem 6. Mai 2025 Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. Zuvor war sie unter anderem von 2020 bis 2025 Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG. Gerade diese Vorgeschichte war von Anfang an politisch sensibel, weil sie den Verdacht einer allzu großen Nähe zur Energiewirtschaft nahelegte. Doch damit erschöpft sich die Kritik inzwischen nicht mehr. In den vergangenen Wochen ist vielmehr der Eindruck gewachsen, dass es im Wirtschaftsministerium selbst an Klarheit, Linie und politischer Steuerungsfähigkeit fehlt.
Öffentlich sichtbar wurde das zuletzt an mehreren Konflikten. Das Reiche-Ministerium plant laut Berichten Einschnitte bei der Solarförderung; der Koalitionspartner SPD kritisierte dies scharf und sprach von einer Politik, die den Ausbau der Photovoltaik ausbremse. Hinzu kommt aktuelle Kritik aus der SPD wegen Verzögerungen beim Industriestrompreis. Selbst wohlwollende Beobachter sprechen inzwischen davon, dass Reiche in eine politische Krise geraten ist.
Der eigentliche Vergleichspunkt heißt: ministerielle Unzulänglichkeit
Genau hier beginnt der Vergleich mit Christine Lambrecht sinnvoll zu werden. Lambrecht scheiterte nicht an einem einzelnen Ausrutscher, sondern an einem sich verdichtenden Gesamtbild. Ihr Rücktritt am 16. Januar 2023 kam nach monatelanger Kritik an ihrem Politikstil, ihrer Kommunikation und ihrer Eignung für ein Ministerium, das nach dem russischen Angriff auf die Ukraine plötzlich eines der wichtigsten Ressorts der Bundesregierung geworden war. Das berühmte Silvester-Video war letztlich nur der sichtbarste Ausdruck einer tiefer liegenden Fehlbesetzung.
Bei Reiche ist die Lage anders gelagert, aber politisch nicht harmloser. Lambrecht wirkte in einem sicherheitspolitischen Ausnahmezustand überfordert. Reiche steht in einem wirtschaftspolitischen Ausnahmezustand unter Druck: schwaches Wachstum, hohe Energiepreise, Umbau der Industrie, Verteilungskonflikte in der Energiepolitik, Streit über den Kurs gegenüber Mittelstand und Industrie. In einer solchen Lage reicht Konzern- und Verbandserfahrung allein eben nicht aus. Ein Wirtschaftsministerium muss politisch führen, unterschiedliche Interessen austarieren und in einer Koalition tragfähige Linien organisieren. Genau dort setzen die aktuellen Zweifel an.
Reiche hat ein zusätzliches Problem, das Lambrecht so nicht hatte
Lambrechts Problem war vor allem mangelnde Überzeugungskraft im Amt. Reiche trägt darüber hinaus ein strukturelles Misstrauen mit sich: den Verdacht, wirtschaftspolitisch zu stark aus der Perspektive großer Energie- und Konzerninteressen zu denken. Das muss nicht automatisch unfair sein, ist politisch aber folgenreich. Denn gerade der Mittelstand fragt sich, ob ein Haus, das eigentlich die Breite der deutschen Wirtschaft vertreten soll, noch genügend Verständnis für die Lage kleiner und mittlerer Unternehmen besitzt. Die jüngsten Debatten über Solarförderung, Strompreise und die wirtschaftspolitische Linie des Ministeriums haben diesen Zweifel eher verstärkt als entkräftet.
Damit wird aus einer Personalie ein Grundsatzproblem. Wenn in Berlin Schlüsselressorts nicht nach der realen Lage des Landes, sondern nach parteipolitischer Opportunität, Proporz oder symbolischer Wirkung besetzt werden, entsteht genau das, was sich schon bei Lambrecht gezeigt hat und was nun auch bei Reiche diskutiert wird: Nicht jeder Lebenslauf, der auf dem Papier eindrucksvoll aussieht, trägt auch ein Ministerium durch die Realität.
Der Mittelstand darf diese Debatte nicht den Berliner Zirkeln überlassen
Für das Mittelstandsjournal ist der springende Punkt deshalb nicht die parteitaktische Frage, wer in Berlin welchen Posten bekommt. Entscheidend ist, ob das Wirtschaftsministerium wieder als Haus wahrgenommen wird, das verlässlich, ordnungspolitisch klar und praktisch anschlussfähig handelt. Gerade der Mittelstand braucht kein ministerielles Experimentierfeld, keine erratische Signalpolitik und keine Politik aus der Konzernwarte. Er braucht Berechenbarkeit, Investitionssicherheit und ein Ressort, das die Sprache von Produktion, Handwerk, regionaler Industrie und unternehmerischem Risiko tatsächlich spricht.
Im Rückblick wurde Christine Lambrecht zum Symbol einer offenkundigen Fehlbesetzung. Bei Katherina Reiche ist die Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Aber der Vergleich ist nicht abwegig. In beiden Fällen geht es letztlich um dasselbe: um die Frage, ob politische Spitzenämter der Sache entsprechend besetzt wurden – oder ob Personalpolitik erneut wichtiger war als Eignung, Führungskraft und ministerielle Handlungsfähigkeit.
Fazit
Der Vergleich zwischen Reiche und Lambrecht ist also nicht deshalb interessant, weil beide politisch dasselbe verkörpern würden. Er ist interessant, weil er ein Berliner Grundproblem freilegt: Schlüsselministerien verzeihen keine Fehlbesetzungen. Im Verteidigungsministerium wurde das unter Lambrecht schnell sichtbar. Im Wirtschaftsministerium zeigt sich unter Reiche nun eine andere, aber ebenfalls gefährliche Variante: das Nebeneinander von Vertrauensdefizit, Richtungsstreit und wachsendem Zweifel an der politischen Tauglichkeit der Amtsinhaberin.
Wer in Krisenzeiten ein Schlüsselressort übernimmt, muss mehr mitbringen als einen guten Lebenslauf. Er oder sie muss das Ministerium führen können. Genau daran entzündet sich inzwischen die Kritik an Katherina Reiche – und genau darin liegt die eigentliche Parallele zu Christine Lambrecht.
Kommentar: Jürgen E. Metzger
