Gründungen in Deutschland: Was die Zahlen tatsächlich zeigen

KI-Startup-zwischen-Cafe-und-Werkstatt

In Deutschland wurden 2025 deutlich mehr Unternehmen gegründet als im Vorjahr. Gleichzeitig bleiben Schwächen bei industriellen Neugründungen bestehen. Eine NZZ-Auswertung nimmt den langfristigen Rückgang zum Anlass, den politischen Gründeroptimismus infrage zu stellen. Die Daten verdienen einen genaueren Blick.

Die Erholung ist real

Rund 183.000 neue Unternehmen wurden 2025 nach einer Hochrechnung von ZEW und Creditreform gegründet, 7,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Die ZEW-Pressemitteilung spricht vom höchsten Stand seit 15 Jahren. Diese Entwicklung ist eine gute Nachricht, auch wenn daraus noch keine neue Gründerzeit folgt. Da Unternehmen teilweise verzögert erfasst werden, sind die jüngsten Werte vorläufig.

Die NZZ stellt dieser Erholung den Vergleich mit 2005 gegenüber: Danach liegt die Gründungszahl heute rund ein Fünftel niedriger. Ein solcher Langzeitvergleich ist sinnvoll. Er widerlegt allerdings nicht den aktuellen Aufschwung.
Beide Befunde können gleichzeitig zutreffen. Wer die
wirtschaftliche Entwicklung beurteilen will, sollte sie auch gemeinsam darstellen.

Weniger Unternehmen bedeuten nicht automatisch weniger Substanz

Ein wichtiger Zusatz findet sich in der Originalstudie: Über die vergangenen zwanzig Jahre sind Mitarbeiterzahl und Kapitalausstattung der Gründungen im Durchschnitt gestiegen. Zuletzt ging die Zahl neuer Unternehmen mit Handelsregistereintrag allerdings zurück.

Damit wird deutlich, weshalb die bloße Zahl neuer Firmen für ein Gesamturteil nicht ausreicht. Eine kleine selbstständige Tätigkeit, ein produzierender Betrieb und ein wachsendes Softwareunternehmen zählen jeweils als eine Gründung. Ihre wirtschaftlichen Wirkungen unterscheiden sich erheblich. Auch ein negativer Saldo aus Gründungen und Schließungen beantwortet noch nicht, wie sich Beschäftigung, Wertschöpfung oder Innovationsfähigkeit verändern.

Industrielle Gründungen bleiben ein Schwachpunkt

Ernst zu nehmen ist die Entwicklung im forschungsintensiven verarbeitenden Gewerbe. Dort verzeichnet das ZEW für 2025 nur rund 600 Gründungen und einen weiteren Rückgang. Gleichzeitig entwickeln sich technologieorientierte Dienstleistungen günstiger.

Das ist ein Anlass, die Bedingungen für industrielle Neugründungen genauer zu untersuchen: Kapitalbedarf, Genehmigungen, verfügbare Fachkräfte und wirtschaftliche Planungssicherheit. Welche Faktoren den Rückgang in welchem Umfang erklären, lässt sich aus der Gründungsstatistik allein nicht ablesen. Auch ein Vergleich der Industrieproduktion Deutschlands und der Schweiz liefert dafür noch keinen Ursachennachweis.

Dienstleistungen gehören zur wirtschaftlichen Erneuerung

Zu kurz greift die Gegenüberstellung von produktiver Industrie und vermeintlich wenig zukunftsträchtigen konsumnahen Dienstleistungen. Unterschiede beim Produktivitätswachstum sind wirtschaftlich relevant. Das Friseurbeispiel der NZZ erklärt aber keine ganze Gruppe unterschiedlicher Branchen.

Pflege, Gastronomie und andere persönliche Dienstleistungen erfüllen konkrete Bedürfnisse. Ihre Bedeutung lässt sich nicht allein daran messen, wie stark Maschinen den Output je Arbeitsstunde erhöhen können. Für eine sachliche Bewertung zählen ebenso Nachfrage, Qualität, tragfähige Geschäftsmodelle und Beschäftigung.

Auch Nebenerwerbsgründungen sollten differenziert betrachtet werden. Nach der KfW-Erhebung trugen sie den jüngsten Anstieg maßgeblich. Zugleich bevorzugt eine klare Mehrheit der Nebenerwerbsgründer grundsätzlich die Selbstständigkeit gegenüber einer Anstellung. Nebenerwerb ist somit kein ausreichender Beleg für eine Notgründung.

Was daraus für den Mittelstand folgt

Die entscheidende Frage lautet, welche Unternehmen sich am Markt behaupten, investieren und wachsen können. Dazu gehören innovative Startups ebenso wie Handwerksbetriebe, Dienstleister und erfolgreiche Unternehmensnachfolgen. Unterschiedliche Gründungsstatistiken müssen dabei nach ihrer jeweiligen Definition gelesen werden.
Deutschland hat 2025 eine deutliche Belebung des Gründungsgeschehens erlebt. Zugleich bestehen strukturelle Schwächen, besonders bei industriellen Neugründungen. Die NZZ setzt mit ihrem langfristigen Blick einen berechtigten Akzent. Ihre weitreichende Diagnose eines Rückzugs des Unternehmertums lässt sich aus den präsentierten Stückzahlen allein jedoch nicht ableiten. Für eine belastbare Standortbilanz müssen wir betrachten, was aus den Gründungen wird.

Quellen:
ZEW: So viele Gründungen wie seit 15 Jahren nicht mehr, 26.10.2026
ZEW/Creditreform: Junge Unternehmen, Oktober 2026
KfW: Deutschland erlebt starken Anstieg der Gründungstätigkeit, 06.04.2026
NZZ: „Deutschland feiert einen Gründerboom – die Zahlen erzählen eine andere Geschichte“,
Malte Fischer und Simon Off, 31.10.2026.