Rüstungsmilliarden: Deutschlands zweite Chance

Wirtschaft & Mittelstand
Deutschland investiert so viel in seine Verteidigung wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch nach Berechnungen des Kiel Instituts für Weltwirtschaft fließt der weit überwiegende Teil der Beschaffung weiterhin in traditionelle Systeme. Gleichzeitig steckt Deutschlands Automobil- und Zulieferindustrie in einer tiefen Transformation. Es wäre ein schwerer industriepolitischer Fehler, beide Entwicklungen getrennt voneinander zu betrachten.
Deutschland hat den technologischen Wandel in der Automobilindustrie nicht verschlafen, weil es keine guten Ingenieure oder leistungsfähigen Unternehmen hatte. Im Gegenteil: Deutsche Hersteller perfektionierten Verbrennungsmotor, Getriebe und Fahrwerk über Jahrzehnte. Das Problem lag woanders. Während wir das bestehende System immer weiter verbesserten, verschob sich die Wertschöpfung in Richtung Batterie, Leistungselektronik, Software und autonomes Fahren.
Jetzt droht Deutschland bei der Verteidigung ein erstaunlich ähnlicher Fehler.
Viel Geld – aber zu wenig Zukunft
Der Befund des Kiel Instituts für Weltwirtschaft ist bemerkenswert: Nur noch 9 Prozent der deutschen Rüstungsbeschaffung entfallen auf innovative Systeme. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine waren es noch 21 Prozent. Polen hat sich dagegen von 3 Prozent auf inzwischen 16 Prozent gesteigert, Großbritannien erreicht 11 Prozent.
Gleichzeitig mangelt es Deutschland keineswegs an Geld. Allein 2025 wurden nach Berechnungen des IfW Rüstungsgüter im Wert von rund 85 Milliarden Euro bestellt – mehr als Großbritannien mit 25 Milliarden und Polen mit 21 Milliarden Euro zusammen.
Zu den vom IfW als disruptiv beziehungsweise modern eingeordneten Technologien gehören unter anderem (semi-)autonome Plattformen, Drohnen, KI-basierte Führungssysteme und vernetzte Luftverteidigung. Gerade hier bleiben die deutschen Investitionen nach Angaben der Kieler Forscher seit 2020 in absoluten Zahlen weitgehend konstant, während die Gesamtbeschaffung massiv steigt.
IfW-Präsident Moritz Schularick formulierte die Kritik noch drastischer: Über 95 Prozent des ersten Sondervermögens seien in alte Militärtechnologien geflossen. Auch bei den kommenden Beschaffungen gingen knapp 90 Prozent weiterhin in traditionelle Systeme.
Sein Vergleich ist für Deutschland besonders unangenehm: Wir machten bei der Bundeswehr möglicherweise denselben Fehler wie zuvor in der Autoindustrie – wir verschlafen die Zukunft.
Panzer bleiben notwendig – aber sie sind nicht die ganze Zukunft
Natürlich braucht die Bundeswehr Panzer, Artillerie, Flugzeuge, Luftverteidigung und Munition. Eine moderne Armee lässt sich nicht ausschließlich mit Drohnen und Computern verteidigen. Auch der frühere Heeresinspekteur Alfons Mais warnt zu Recht davor, klassische militärische Fähigkeiten vorschnell abzuschreiben.
Aber mehr vom Bewährten ist noch keine Zukunftsstrategie.
Der Krieg in der Ukraine zeigt, mit welcher Geschwindigkeit sich moderne Kriegführung verändert. Drohnen übernehmen Aufklärung und Angriff, unbemannte Fahrzeuge transportieren Material, elektronische Kampfführung entscheidet über die Einsatzfähigkeit ganzer Systeme. KI unterstützt Auswertung und Führung. Sensoren, Kommunikation und Software vernetzen ehemals getrennte Waffenplattformen.
Vor allem ändern sich die Innovationszyklen. Ein Kampfpanzer wird für Jahrzehnte entwickelt und genutzt. Eine Drohnengeneration kann innerhalb weniger Monate technisch überholt sein. Selbst die Bundeswehr verweist inzwischen bei der Beschaffung von Loitering Munition ausdrücklich auf die kurzen Innovationszyklen solcher Systeme und die daraus entstehenden neuen Anforderungen an die Beschaffung.
Die industrielle Chance steht bereits in unseren Fabriken
Genau hier sollte deutsche Wirtschaftspolitik beginnen. Deutschland besitzt einen industriellen Schatz, dessen Bedeutung in der gegenwärtigen Krise der Autoindustrie leicht unterschätzt wird: die Automobilzulieferer und den industriellen Mittelstand.
Diese Unternehmen beherrschen Sensorik, Kameratechnik, Radar, Elektromotoren, Batteriemanagement, Leistungselektronik, Steuergeräte, Aktuatorik, Präzisionsmechanik, Leichtbau, Robotik und hochautomatisierte Serienfertigung.
Das sind längst nicht mehr ausschließlich Technologien für Automobile. Es sind Schlüsseltechnologien einer modernen Sicherheitsindustrie.
Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass Volkswagen künftig Panzer bauen oder jeder Autozulieferer zum Waffenhersteller werden soll. Ein mittelständisches Unternehmen, das heute Stellmotoren produziert, kann aber morgen Komponenten für unbemannte Fahrzeuge fertigen. Ein Hersteller von Kameras, Radar oder Sensoren besitzt Fähigkeiten für Aufklärungs- und Abwehrsysteme. Maschinenbauer können hochautomatisierte Produktionsanlagen für Drohnen oder andere unbemannte Systeme entwickeln.
Deutschland muss dafür nicht bei null anfangen. Wissen, Fachkräfte und industrielle Infrastruktur sind vorhanden.
Aus Rüstungsindustrie muss Sicherheitsindustrie werden
Damit eröffnet sich eine Perspektive weit über die klassischen Rüstungskonzerne hinaus. Deutschland könnte einen industriellen Sektor stärken, der Verteidigung, zivile Hochtechnologie und Dual Use miteinander verbindet.
Drohnen, Robotik, autonome Fahrzeuge, Sensorik, Satellitentechnik, Cybersecurity, KI, Kommunikation und neue Energiesysteme sind eben nicht ausschließlich militärische Technologien. Sie können zugleich Grundlage einer neuen deutschen Hochtechnologieindustrie werden.
Das Bundeswirtschaftsministerium erkennt dieses Potenzial grundsätzlich selbst. Nach seinen Angaben tragen kleine und mittlere Unternehmen bereits heute rund 39 Prozent zur Wertschöpfung der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie bei. In der Strategie der Bundesregierung zur Stärkung der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie wird der wehrtechnische Mittelstand ausdrücklich als Rückgrat und Innovationsmotor bezeichnet.
Dann muss diese Erkenntnis allerdings auch Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik haben.
Das Verteidigungsministerium muss entscheiden, was die Bundeswehr militärisch benötigt. Das Bundeswirtschaftsministerium muss dafür sorgen, dass aus diesen Milliarden zugleich Wettbewerb, Innovation und neue industrielle Wertschöpfung entstehen.
Mittelstandspolitik gehört ins Wirtschaftsministerium.
20 Prozent Innovation sollten nur der Anfang sein
Wenn Deutschland gegenwärtig nur neun Prozent seiner Beschaffung für moderne und disruptive Systeme verwendet und Polen bereits bei 16 Prozent liegt, reicht eine geringfügige Erhöhung nicht aus.
Deutschland sollte kurzfristig mindestens 20 Prozent seiner entsprechenden Beschaffung für neue Technologien öffnen. Das wäre kein wissenschaftlich errechneter Idealwert, sondern eine industrie- und sicherheitspolitische Zielmarke: Deutschland müsste damit erstmals bewusst über den derzeitigen polnischen Anteil hinausgehen und einen Markt schaffen, der groß genug ist, damit Unternehmen tatsächlich investieren.
Perspektivisch sollte darüber diskutiert werden, mindestens ein Viertel der entsprechenden Beschaffungsinvestitionen für neue Technologien und neue Anbieter zu öffnen.
Entscheidend ist allerdings nicht allein, wie viel Geld dafür bereitsteht. Entscheidend ist, wer Zugang dazu bekommt.
Wenn die zusätzlichen Innovationsmilliarden am Ende wieder nahezu ausschließlich bei einigen großen Rüstungskonzernen landen, wurde industriepolitisch wenig gewonnen.
Deutschland braucht keine neue Subventionsindustrie. Der Mittelstand braucht einen Markt.
Der Mittelstand muss selbst Auftragnehmer werden können
Großaufträge über Milliardenbeträge, jahrelange Ausschreibungsverfahren, komplizierte Zertifizierungen und enorme administrative Anforderungen bevorzugen zwangsläufig Unternehmen, die hierfür große eigene Abteilungen unterhalten können.
Ein innovativer Mittelständler mit 150 oder 300 Beschäftigten kann das vielfach nicht. Formell darf er sich vielleicht beteiligen. Praktisch bleibt ihm häufig nur die Rolle des Zulieferers eines großen Systemhauses.
Genau das muss sich ändern.
Deutschland braucht kleinere Beschaffungslose, offene technische Schnittstellen, schnelle Entwicklungsaufträge und vereinfachte Verfahren für neue Anbieter. Neue Systeme sollten gemeinsam mit der Bundeswehr praktisch erprobt und erfolgreiche Lösungen anschließend schnell in relevanten Stückzahlen bestellt werden.
Vor allem müssen Mittelständler, Start-ups und Unternehmen aus bislang zivilen Industrien selbst Auftragnehmer des Staates werden können.
Der Weg zu den Verteidigungsmilliarden darf nicht zwangsläufig über einen der großen Rüstungskonzerne führen.
Automotive-to-Defence: Aufträge statt Subventionen
Das Wirtschaftsministerium sollte deshalb gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium ein konsequentes „Automotive-to-Defence“-Programm entwickeln.
Nicht als neuen milliardenschweren Fördertopf und nicht als Rettungsprogramm für Unternehmen, deren Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert.
Sondern als offenen Markt zwischen dem technologischen Bedarf der Bundeswehr und den Fähigkeiten deutscher Unternehmen.
Die Bundeswehr definiert konkrete Probleme und Anforderungen. Unternehmen aus Automobilindustrie, Maschinenbau, Elektronik, Software und Mittelstand entwickeln Lösungen. Kleine Entwicklungsaufträge ermöglichen Prototypen und Erprobung. Was funktioniert, wird bestellt und industriell skaliert.
Nicht der Förderantrag entscheidet – sondern die bessere Lösung.
Damit könnten gerade Regionen profitieren, deren Automobilzulieferer durch den Strukturwandel unter Druck geraten. Ingenieure, Facharbeiter, Maschinen und Produktionswissen würden nicht abgewickelt, sondern für neue Märkte eingesetzt.
Das wäre Industriepolitik im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft: Der Staat definiert seinen Bedarf – Wettbewerb und Unternehmen entwickeln die Lösungen.
Nicht noch einmal die Technik von gestern perfektionieren
Deutschland hat oft genug erfahren, wie teuer technologisches Zögern werden kann. Bei der Solarindustrie gingen industrielle Positionen verloren, bei digitalen Plattformen spielen europäische Unternehmen international nur eine Nebenrolle und in der Automobilindustrie kämpfen wir darum, bei Software, Batterie und autonomem Fahren verlorenen Boden aufzuholen.
Diesen Fehler dürfen wir bei der Sicherheitsindustrie nicht wiederholen.
Die enormen Verteidigungsausgaben der kommenden Jahre sind deshalb mehr als eine militärische und haushaltspolitische Herausforderung. Sie sind eine der größten industriepolitischen Chancen seit Jahrzehnten.
Wenn Deutschland Milliarden ausgibt und damit im Wesentlichen nur die Produktionskapazitäten bestehender Systeme erhöht, wird die Bundeswehr zwar stärker – gleichzeitig konservieren wir aber erhebliche Teile einer vorhandenen Industriestruktur.
Wenn wir dagegen einen relevanten Teil dieser Milliarden für neue Technologien, neue Unternehmen und echten Wettbewerb öffnen, kann daraus weit mehr entstehen.
Fazit: Aus der Zeitenwende eine industrielle Zeitenwende machen
Deutschland muss aufrüsten. Aber Deutschland muss dabei auch erneuern.
Die Transformation der Automobilindustrie und die enormen Investitionen in unsere Verteidigungsfähigkeit sind keine voneinander unabhängigen Entwicklungen. Richtig miteinander verbunden könnten sie Teil derselben Lösung werden.
Deutschland verfügt über Ingenieure, Facharbeiter, Mittelständler, Maschinenbauer und Automobilzulieferer von Weltrang. Was fehlt, ist ein ausreichend offener Markt, der ihre Fähigkeiten für die neue Sicherheitsindustrie erschließt.
Das Verteidigungsministerium muss dafür sorgen, dass unsere Soldaten bekommen, was sie brauchen.
Das Wirtschaftsministerium muss dafür sorgen, dass daraus zugleich neue industrielle Stärke entsteht.
Dann wäre die Zeitenwende tatsächlich mehr als ein gigantisches Rüstungsprogramm.
Sie könnte Deutschlands zweite industrielle Chance werden.
Quellen
Kiel Institut für Weltwirtschaft: „Viel Geld, wenig Zukunft: Deutschland rüstet anders auf als Polen und Großbritannien“, 12. Mai 2026. Grundlage: Kiel Military Procurement Tracker, Analyse der Beschaffungen Deutschlands, Großbritanniens und Polens 2020–2026. Kiel Institut – Analyse zur Rüstungsbeschaffung
Kiel Institut für Weltwirtschaft / Moritz Schularick: „Was braucht die Truppe? Ein Streitgespräch“, Juni 2026. Aussagen zu Sondervermögen, traditionellen Militärtechnologien und Vergleich mit der Automobilindustrie.
Kiel Institut – Streitgespräch zur Bundeswehr
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Branchenfokus Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Angaben zur Rolle kleiner und mittlerer Unternehmen und deren Anteil an der Wertschöpfung.
BMWE – Sicherheits- und Verteidigungsindustrie
Bundesregierung / Wirtschaftsministerium: Strategiepapier zur Stärkung der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie in Deutschland. Aussagen zur Bedeutung des wehrtechnischen Mittelstands als Innovationsmotor.
Strategie zur deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie
Bundeswehr: Loitering Munition – Beschaffung und Erprobung neuer unbemannter Wirksysteme, Juni 2026.
Bundeswehr – Loitering Munition
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