Deutschland ohne Kompass: Welche Geschichte will Merz eigentlich erzählen?

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China hat eine Erzählung. Die USA haben eine. Russland ebenfalls. Deutschland dagegen diskutiert über Wachstum, Steuern, Rente, Energie, Migration, Verteidigung und künstliche Intelligenz – ohne daraus ein Bild davon zu entwickeln, wie dieses Land in zehn oder zwanzig Jahren aussehen soll. Genau darin liegt vielleicht die größte Enttäuschung über die Regierung Merz: Es fehlt nicht an Maßnahmen. Es fehlt das Ziel, das sie miteinander verbindet.

Man könnte die bisherige Politik der Bundesregierung etwas boshaft auf die Formel bringen: Wir wissen zwar nicht genau, wohin wir wollen – aber dieses Ziel verfolgen wir mit aller Macht. Das ist zugespitzt, aber es trifft einen wunden Punkt. Friedrich Merz erkennt viele Probleme durchaus richtig. Er spricht über mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, hohe Energiekosten, überbordende Regulierung, den Zustand der sozialen Sicherungssysteme und darüber, dass Deutschland technologisch wieder an die Spitze kommen muss. Er bezeichnet Familienunternehmen als Basis unserer Wirtschaft und fordert neues Wachstum. Das alles ist richtig. Aber daraus entsteht noch keine Vorstellung von Deutschland.

Andere Mächte erzählen eine Geschichte

China weiß ziemlich genau, welche Geschichte es seinen Bürgern und der Welt erzählen will: den nationalen Wiederaufstieg einer jahrtausendealten Zivilisation, wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt und die Rückkehr in die erste Reihe der Weltmächte. Wirtschaft, Industriepolitik, Technologie, Infrastruktur und geopolitische Macht werden diesem langfristigen Ziel untergeordnet.

Auch die Vereinigten Staaten besitzen eine Erzählung. Sie handelt seit Generationen von individueller Freiheit, Aufstieg, Unternehmertum, Erfindergeist und dem Glauben, dass grundsätzlich jeder seines Glückes Schmied sein könne. Unter Donald Trump ist eine zweite, sehr viel nationalistischere Variante hinzugekommen: „America First“, nationale Stärke und die Wiederherstellung amerikanischer Größe. Man muss diese Entwicklung keineswegs gutheißen, um ihre politische Wirkung zu erkennen.

Selbst Russland verfügt über eine Erzählung. Sie ist autoritär, rückwärtsgewandt und mit einem aggressiven Großmachtverständnis verbunden. Russland inszeniert sich als wiedererstandene Großmacht, als Verteidiger eigener Traditionen und als Gegenpol zum Westen. Auch diese Geschichte muss man nicht teilen. Aber sie existiert – und sie schafft innerhalb des Systems eine Vorstellung davon, wofür Opfer verlangt werden.

Und Deutschland?

Unsere politische Sprache besteht dagegen zunehmend aus Begriffen wie Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz, Transformation, Haushaltskonsolidierung, Bürokratieabbau und Standortbedingungen. Das sind wichtige Aufgaben. Aber sie beantworten nicht die Frage, warum sich eine Gesellschaft gemeinsam anstrengen soll.
Kein Mensch steht morgens auf, weil er Deutschland „resilienter“ machen möchte. Menschen wollen wissen, ob ihre Kinder eine Zukunft haben, ob sich Arbeit noch lohnt, ob sie eine Wohnung bezahlen können, ob ihre Altersversorgung sicher ist, ob der Betrieb, den sie aufgebaut haben, auch in zehn Jahren noch existiert und ob technischer Fortschritt ihr Leben verbessert oder lediglich einige wenige Konzerne noch mächtiger macht.
ne Regierung braucht deshalb mehr als ein Arbeitsprogramm. Sie braucht eine Erzählung.

Merz hat die Bausteine – aber noch keinen Bauplan

Das macht die Situation besonders bemerkenswert. Viele Elemente einer solchen Erzählung finden sich bei Friedrich Merz bereits. Er spricht von Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit, vom Mittelstand, von industrieller Stärke und technologischer Führungsfähigkeit. Beim Tag der Industrie stellte er den Gedanken eines künftigen Wohlstands der jungen Generation in den Mittelpunkt. Seine Regierung will künstliche Intelligenz, Forschung und Innovation voranbringen und zugleich Familienunternehmen und Mittelstand stärken.
Aber was verbindet diese Einzelteile?

Wollen wir eine europäische Variante des amerikanischen Kapitalismus, in der möglichst große Unternehmen, möglichst große Kapitalmärkte und möglichst wenig staatliche Regulierung automatisch als Fortschritt gelten? Wollen wir stärker staatlich lenken? Oder wollen wir bewusst ein eigenes Modell entwickeln?
Genau hier könnte die Regierung Merz eine historische Chance haben.

Die neue Erzählung könnte längst vorhanden sein

Deutschland müsste dafür nicht einmal eine völlig neue politische Philosophie erfinden. Wir besitzen sie bereits: die Soziale Marktwirtschaft. Wir haben nur weitgehend vergessen, dass sie ursprünglich sehr viel mehr war als eine freundliche Bezeichnung für Kapitalismus mit Sozialversicherung.

Die Soziale Marktwirtschaft verband wirtschaftliche Freiheit mit gesellschaftlicher Verantwortung. Sie wollte Wettbewerb – aber gerade deshalb keine unkontrollierte wirtschaftliche Macht. Sie wollte Unternehmertum, Eigentum und Leistung – aber zugleich sozialen Aufstieg und die Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten am Wohlstand.

„Wohlstand für alle“ war eine Erzählung. Vier Wörter genügten, um zu erklären, wohin die junge Bundesrepublik wollte.

Deutschland brauchte nach Krieg und Zusammenbruch keine Großmachtphantasie. Die Bundesrepublik erzählte eine andere Geschichte: Wer arbeitet, wer etwas aufbaut, wer Verantwortung übernimmt, kann vorankommen. Unternehmen können erfolgreich sein, Arbeitnehmer am wachsenden Wohlstand teilhaben und der Staat sorgt für einen Ordnungsrahmen, in dem wirtschaftliche Freiheit nicht zum Recht des Stärkeren verkommt.

Warum erzählen wir diese Geschichte nicht weiter?

Die Herausforderung des Jahres 2026 besteht nicht darin, Ludwig Erhard zu kopieren. Die Frage lautet, wie seine Grundidee in das 21. Jahrhundert übersetzt werden kann.

Eine moderne Soziale Marktwirtschaft müsste die wirtschaftliche und technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands wieder stärken. Aber sie müsste gleichzeitig verhindern, dass immer größere Teile unserer Infrastruktur, Kommunikation und digitalen Wertschöpfung von einigen wenigen amerikanischen Technologiekonzernen abhängig werden.

Sie müsste Familienunternehmen und Mittelstand fördern, nicht weil kleine Unternehmen romantischer wären als große, sondern weil eine breit verteilte Unternehmenslandschaft wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht verteilt.

Sie müsste Eigentum schützen und zugleich wieder ernster nehmen, dass Eigentum auch Verantwortung bedeutet. Sie müsste Wohnraum als Markt verstehen, aber ebenso erkennen, dass Wohnungen nicht irgendeine beliebige globale Anlageklasse sind. Sie müsste einen leistungsfähigen Sozialstaat erhalten, ihn aber wieder stärker darauf ausrichten, Menschen zu befähigen und in Arbeit zu bringen, statt Arbeitslosigkeit nur effizient zu verwalten.

Und sie müsste technologischen Fortschritt nicht als Selbstzweck verstehen. KI, Digitalisierung und Automatisierung sind dann Fortschritt, wenn sie Produktivität, Wohlstand und persönliche Freiheit erhöhen – nicht allein die Marktmacht einiger Plattformunternehmen.

Europa gehört zwingend dazu

Eine solche deutsche Erzählung kann heute allerdings nicht mehr an der Landesgrenze enden. Deutschland allein wird weder gegenüber den USA und China technologische Souveränität herstellen noch gegenüber Russland dauerhaft sicherheitspolitisches Gewicht entwickeln können.

Deshalb müsste der zweite Teil der Geschichte lauten: Soziale Marktwirtschaft in einem souveränen Europa.

Ein Europa, das mit den Vereinigten Staaten eng verbunden bleibt, aber nicht von ihnen abhängig sein will. Das mit China handelt, ohne seine industrielle Zukunft nach Peking auszulagern. Das Russland militärisch abschrecken kann, ohne selbst in nationalistische Großmachtpolitik zurückzufallen. Und das seine eigenen technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen gegenüber den großen Machtblöcken behauptet.

Nicht die Mächtigsten – vielleicht die Besseren

Darin könnte sogar der entscheidende Unterschied zur chinesischen, amerikanischen und russischen Erzählung liegen.

Europa muss nicht versprechen, die mächtigste Region der Welt zu werden. Unsere Geschichte könnte ambitionierter sein: Wir wollen zeigen, dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, persönliche Freiheit, Demokratie, soziale Sicherheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt gleichzeitig möglich sind.

Dass ein Land innovativ sein kann, ohne Menschen zurückzulassen. Dass Unternehmen Gewinne machen dürfen und sollen, ohne daraus einen Anspruch auf politische Macht abzuleiten. Dass Eigentum und Verantwortung zusammengehören. Dass derjenige, der arbeitet und etwas leistet, von diesem Wohlstand auch etwas haben muss. Und dass Freiheit mehr bedeutet als die Freiheit des wirtschaftlich Stärkeren.

Das wäre keine linke oder rechte Erzählung. Es wäre eine europäische.

Merz müsste sie nur erzählen

Friedrich Merz spricht inzwischen selbst davon, dass das bisherige deutsche Wirtschafts- und Exportmodell unter veränderten geopolitischen und wirtschaftlichen Bedingungen nicht einfach fortgeschrieben werden kann. Gerade daraus ergibt sich die entscheidende Aufgabe seiner Kanzlerschaft.

Nicht nur: Wie senken wir diese Steuer? Wie verändern wir jene Rente? Wie beschleunigen wir dieses Genehmigungsverfahren?

Sondern:

Was soll an die Stelle des alten deutschen Modells treten?

Eine Antwort könnte lauten:

Wohlstand, Freiheit und Sicherheit für alle – durch eine neue Soziale Marktwirtschaft in einem souveränen Europa.

Damit ließen sich Mittelstandspolitik, Digitalisierung, Energie, Wohnen, Sozialstaat, Rentenpolitik, Verteidigung und europäische Souveränität plötzlich als Teile derselben politischen Aufgabe verstehen.

Fazit

Die Enttäuschung über die Regierung Merz besteht nicht darin, dass sie nichts tut. Sie tut erstaunlich viel. Gerade deshalb wirkt ihre Politik häufig so orientierungslos: Es fehlt die erkennbare Vorstellung davon, wohin all diese Anstrengungen führen sollen.
China hat seine Geschichte. Amerika hat seine. Russland hat seine.

Deutschland und Europa brauchen wieder eine eigene.

Wir müssen dafür weder chinesischen Staatskapitalismus noch amerikanischen Turbokapitalismus noch russische Großmachtpolitik kopieren. Unser Gegenentwurf liegt längst in unserer eigenen Geschichte.

Die Soziale Marktwirtschaft war einmal eine der erfolgreichsten politischen Erzählungen der Welt. Vielleicht ist es an der Zeit, sie nicht nur zu verteidigen – sondern für das 21. Jahrhundert neu zu erzählen.