Die AfD und Putin: Deutschland zuerst – oder Moskau?

POLITIK | WIRTSCHAFT & SICHERHEIT · KOMMENTAR
Die AfD beansprucht, deutsche Interessen zu vertreten. Doch bei Russland stellt sich die Frage, wessen Interessen ihre Politik tatsächlich nützt. Für den Mittelstand geht es dabei um weit mehr als außenpolitische Bekenntnisse: um Versorgungssicherheit, Investitionen und die Freiheit, Geschäfte ohne politische Erpressbarkeit zu betreiben.
Wer „Deutschland zuerst“ verspricht, muss erklären, wie er Deutschlands Unabhängigkeit sichern will. Genau hier liegt die offene Flanke der Russlandpolitik der AfD. Sanktionen aufheben, russische Energie zurückholen, Waffenlieferungen an die Ukraine einstellen: Diese Forderungen ergeben noch keine überzeugende Antwort darauf, wie Deutschland mit einem Staat dauerhaft verlässlich zusammenarbeiten soll, der seinen Nachbarn mit Krieg überzieht.
Der NZZ-Beitrag von Stefan Scholl beschreibt eine Partei, deren Vertreter auffällig viel Verständnis für den Kreml aufbringen. Gespräche mit Moskau sind notwendig. Politische Nähe zu Putin ist deshalb noch lange keine deutsche Interessenpolitik.
Billiges Gas ist keine Standortstrategie
Das wirtschaftliche Angebot klingt verführerisch: Wieder günstige Energie aus Russland beziehen, und Deutschlands Industrie kommt auf die Beine. Gerade Unternehmer, die unter hohen Energiekosten leiden, haben allen Grund, niedrigere Preise zu verlangen. Die Bundesregierung muss sich an wettbewerbsfähigen Standortbedingungen messen lassen.
Aber eine belastbare Kalkulation endet nicht beim Gaspreis. Sie berücksichtigt auch Ausfallrisiken, Ersatzbeschaffung und die Kosten einer Abhängigkeit, die politisch ausgenutzt werden kann. Was auf der Rechnung günstig aussieht, kann in der Bilanz teuer werden.
Kein sorgfältiger Unternehmer würde einen existenziell wichtigen Lieferanten allein deshalb für zuverlässig halten, weil dessen Angebot besonders billig ist. Er würde prüfen, welche Alternativen bestehen und was geschieht, wenn der Lieferant seine Macht ausspielt. Für einen Industriestandort muss derselbe Maßstab gelten.
Frieden braucht mehr als ein eingängiges Versprechen
Auch die Forderung nach Diplomatie klingt zunächst vernünftig. Selbstverständlich muss verhandelt werden. Entscheidend ist jedoch, mit welchem Ziel und unter welchen Bedingungen.
Wer die Unterstützung der Ukraine beenden will, muss beantworten, warum Russland danach einem dauerhaft tragfähigen Frieden zustimmen sollte. Die Einstellung von Waffenlieferungen ist zunächst eine Entscheidung über die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine. Ein Friedensschluss entsteht daraus nicht automatisch.
Diese Frage lässt sich nicht mit dem Hinweis erledigen, das Geld werde im eigenen Land gebraucht. Ein unsicheres Europa verursacht ebenfalls Kosten: für Verteidigung, Infrastruktur, Lieferketten und unternehmerische Planung. Verantwortliche Politik muss diese Folgen mitrechnen.
Patriotismus verlangt Widerspruch – auch gegenüber Moskau
Besonders aufschlussreich ist ein Widerspruch, den die NZZ schildert: Während AfD-Politiker Brücken nach Russland bauen wollen, fordert der russische Fernsehpropagandist Wladimir Solowjow die Wiederherstellung der DDR.
Das ist kein Beleg für einen beschlossenen Plan des Kremls. Es ist aber eine Äußerung, die von selbst erklärten Verteidigern deutscher Souveränität eine unmissverständliche Antwort verdient. Wer Deutschlands Einheit und Eigenständigkeit ernst nimmt, darf gegenüber solchen Tönen aus Russland nicht nachsichtig werden.
Politische Glaubwürdigkeit zeigt sich gerade dort, wo man einem vermeintlichen Partner widersprechen muss.
Der Mittelstand braucht europäische Handlungsfähigkeit
Deutschland kann seine wirtschaftlichen Interessen weder durch Gefolgschaft gegenüber Washington noch durch Anlehnung an Moskau zuverlässig sichern. Es braucht eigene Stärke – und ein Europa, das gemeinsam handeln kann.
Für mittelständische Unternehmen sind offene europäische Märkte, berechenbare Regeln und sichere Handelswege konkrete Geschäftsgrundlagen. Nationale Alleingänge müssen daran gemessen werden, ob sie diese Grundlagen verbessern.
Europäische Eigenständigkeit verlangt, Abhängigkeiten zu begrenzen – bei Energie ebenso wie bei Technologie, Rohstoffen und Sicherheit. Wer lediglich den bevorzugten ausländischen Machtpartner wechselt, hat dieses Problem nicht gelöst.
Fazit: Deutsche Interessen müssen sich in der Wirklichkeit bewähren
Die AfD darf an ihrem eigenen Anspruch gemessen werden. Wer Deutschland dienen will, muss erklären, wie seine Politik das Land sicherer, wirtschaftlich stärker und unabhängiger macht.
Die Aussicht auf günstige russische Energie reicht dafür ebenso wenig wie der pauschale Ruf nach Verhandlungen. Für den Mittelstand zählt am Ende, ob eine politische Strategie auch dann trägt, wenn der vermeintliche Partner Druck ausübt. Genau diese Antwort bleibt die Russlandpolitik der AfD schuldig.
Quelle und Anlass:
Stefan Scholl, „Die AfD und Russland: Reden, wie es Putin gefällt“,
NZZ am Sonntag, 13. September 2026.
Eigene wirtschaftspolitische Einordnung.
