188.000 Betriebsschließungen: Deutschland verliert seine wirtschaftliche Substanz

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Wirtschaft & KMU | Analyse

Die Zahl der Unternehmensschließungen ist auf den höchsten Stand seit fast 20 Jahren gestiegen. Besonders alarmierend: Es verschwinden nicht nur insolvente Betriebe. Zunehmend geben auch wirtschaftlich gesunde Unternehmen auf – häufig still, ohne Insolvenzverfahren und weitgehend unbeachtet von Politik und Öffentlichkeit.

Deutschland diskutiert intensiv über die Insolvenzen großer Unternehmen und den Abbau Tausender Arbeitsplätze in bekannten Konzernen. Doch unterhalb dieser öffentlich wahrgenommenen Fälle vollzieht sich eine Entwicklung, die für die wirtschaftliche Substanz des Landes möglicherweise noch gefährlicher ist: Immer mehr kleine und mittlere Unternehmen stellen ihre Tätigkeit ein, obwohl sie nicht unmittelbar zahlungsunfähig sind.

Nach einer gemeinsamen Untersuchung des Verbandes der Vereine Creditreform und des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) wurden im Jahr 2025 bundesweit rund 188.000 Unternehmen geschlossen. Das waren zehn Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr. Besonders bemerkenswert ist, dass nur etwa 13 Prozent der erfassten Schließungen mit einem Insolvenzverfahren verbunden waren. Rund 87 Prozent der Unternehmen verschwanden dagegen ohne Insolvenz – und damit nahezu geräuschlos vom Markt.

-Unternehmensschliessungen-2025Auch gesunde Unternehmen geben auf

Damit greift die Erklärung zu kurz, Deutschland erlebe lediglich eine konjunkturell bedingte Insolvenzwelle. Creditreform berichtet ausdrücklich, dass mittlerweile auch Unternehmen mit guter oder zumindest mittlerer Bonität ihre Tätigkeit einstellen. Sie scheitern nicht zwingend an einem einzelnen wirtschaftlichen Problem, sondern an einer immer ungünstigeren Kombination aus Kostenbelastung, Bürokratie, Arbeitskräftemangel, technologischem Wandel, wachsendem Wettbewerbsdruck und fehlender Planungssicherheit.

Wenn ein Unternehmer trotz eines grundsätzlich lebensfähigen Geschäftsmodells zu dem Ergebnis kommt, dass sich die Fortführung seines Betriebes nicht mehr lohnt, handelt es sich nicht allein um eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Es ist zugleich ein Warnsignal für die Qualität der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Denn mit jedem aufgegebenen Betrieb verschwinden nicht nur Arbeitsplätze. Verloren gehen auch Fachwissen, Kundenbeziehungen, Ausbildungsplätze, regionale Wertschöpfung und unternehmerische Eigenverantwortung.

11.000 Industriebetriebe und 24.000 Bauunternehmen geschlossen

Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe. Im Jahr 2025 stellten gut 11.000 Industrieunternehmen ihren Betrieb ein – zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Im Baugewerbe wurden rund 24.000 Unternehmen geschlossen, was einem Anstieg um zwölf Prozent entspricht. Gerade diese Zahlen müssen alarmieren: Industrie und Bau gehören zum produktiven Kern der deutschen Wirtschaft. Wenn dort Kapazitäten verschwinden, lassen sie sich später nicht ohne Weiteres wieder aufbauen.

Auch das Gastgewerbe steht erheblich unter Druck. Mehr als 15.000 Gaststätten und Beherbergungsbetriebe gaben 2025 auf. Die Zahl stieg innerhalb eines Jahres um 15 Prozent. Konsumzurückhaltung, Personalmangel, hohe Kosten und veränderte Verbrauchergewohnheiten treffen eine Branche, deren Betriebe häufig nur über geringe finanzielle Reserven verfügen. Im Handel nahmen die Schließungen ebenfalls wieder zu; hier betrug der Anstieg acht Prozent.

Die medizinische Versorgung verliert ihre Basis

Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung im Gesundheitswesen. Insgesamt wurden dort rund 11.000 Betriebe und Einrichtungen geschlossen, zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Darunter befanden sich knapp 5.500 Arztpraxen – ein dramatisches Plus von 23 Prozent gegenüber 2024.

Das ist weit mehr als eine wirtschaftsstatistische Randerscheinung. Gerade in ländlichen Regionen bedeutet jede aufgegebene Arztpraxis und jede geschlossene Apotheke eine konkrete Verschlechterung der Versorgung. Während die Bevölkerung altert und der medizinische Bedarf steigt, schrumpft gleichzeitig die wohnortnahe Infrastruktur. Auch hier zeigt sich das gleiche Grundproblem: Eine formell vorhandene Nachfrage garantiert noch lange nicht, dass ein Betrieb unter den bestehenden Bedingungen dauerhaft fortgeführt werden kann.

Fehlende Nachfolger werden zum Strukturproblem

Fast ein Drittel der freiwilligen Betriebsschließungen erfolgt inzwischen aus Altersgründen. Viele Inhaber erreichen den Ruhestand, finden aber keinen geeigneten Nachfolger. Dahinter steht nicht allein die demografische Entwicklung. Eine Unternehmensübernahme bedeutet heute häufig, nicht nur die wirtschaftliche Verantwortung für einen Betrieb zu übernehmen, sondern zugleich ein wachsendes Geflecht aus Dokumentationspflichten, Genehmigungen, arbeitsrechtlichen Vorgaben, Datenschutzbestimmungen und finanziellen Risiken.

Deutschland läuft Gefahr, dass eine ganze Unternehmergeneration ausscheidet, ohne dass genügend Menschen bereit sind, ihre Verantwortung zu übernehmen. Dabei geht es besonders um Familienunternehmen, Handwerksbetriebe, Arztpraxen, Gaststätten und mittelständische Industriebetriebe. Sie bilden die dezentrale wirtschaftliche und soziale Infrastruktur des Landes – vor allem außerhalb der großen Metropolen.

Die Politik schaut zu sehr auf die Konzerne

Die öffentliche Wirtschaftspolitik konzentriert sich noch immer stark auf Großunternehmen, milliardenschwere Förderprogramme und spektakuläre Industrieansiedlungen. Doch die wirtschaftliche Stärke Deutschlands entstand nicht allein in den Konzernzentralen. Sie beruht wesentlich auf einem breit aufgestellten Mittelstand, auf Familienunternehmen, Handwerkern, Freiberuflern und regional verwurzelten Betrieben.

Wenn Zehntausende dieser Unternehmen jedes Jahr verschwinden, kann das nicht mit dem Hinweis auf einen normalen wirtschaftlichen Strukturwandel abgetan werden. Strukturwandel ist notwendig, wenn neue und produktivere Unternehmen an die Stelle überholter Geschäftsmodelle treten. Problematisch wird er jedoch dann, wenn grundsätzlich gesunde Betriebe aufgeben, weil ihnen Personal, Nachfolger, finanzielle Spielräume und Vertrauen in die politischen Rahmenbedingungen fehlen.

Eine mittelstandsorientierte Wirtschaftspolitik muss deshalb nicht jedes Unternehmen künstlich am Leben erhalten. Sie muss aber dafür sorgen, dass erfolgreiche Betriebe nicht an vermeidbaren Belastungen scheitern. Dazu gehören weniger Bürokratie, verlässliche Energiepreise, bessere Finanzierungsmöglichkeiten für Betriebsübernahmen, eine wirksamere berufliche Bildung, schnellere Genehmigungsverfahren und vor allem langfristige Planungssicherheit.

Fazit: Ein stiller Verlust, den Deutschland nicht hinnehmen darf

Die 188.000 Unternehmensschließungen des Jahres 2025 sind mehr als eine weitere negative Konjunkturzahl. Sie zeigen, dass Deutschland wirtschaftliche Substanz verliert – oft unbemerkt und ohne Insolvenzverfahren. Wenn selbst gesunde Unternehmen keinen Nachfolger finden oder ihre Inhaber unter den bestehenden Bedingungen nicht mehr weitermachen wollen, liegt das Problem nicht nur beim einzelnen Betrieb.

Die Soziale Marktwirtschaft lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen, investieren, Arbeitsplätze schaffen und Unternehmen an die nächste Generation weitergeben. Eine Politik, die diese Bereitschaft durch immer neue Belastungen schwächt, gefährdet langfristig das Fundament unseres Wohlstands. Deutschland braucht deshalb nicht nur eine Debatte über Insolvenzen. Es braucht endlich eine ernsthafte Strategie gegen das stille Verschwinden seiner mittelständischen Betriebe.

Quelle

Creditreform und Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW): Untersuchung zu den Unternehmensschließungen 2025, Presseinformation vom 18. August 2026.