Wer vertritt den Mittelstand wirklich?
Teil 2: Die klassischen Machtverbände – BDI, BDA, DIHK und Handwerksspitzen

HINTERGRUND
Teil 1 hat gezeigt, warum die KMU-Vertretung oft zersplittert und politisch sensibel ist.
Teil 2 blickt auf die andere Ebene der Interessenvermittlung: Verbände und Institutionen, die nicht nur „Gesprächspartner“ sind, sondern in zentralen Politikfeldern als Systemakteure wirken.
Einleitung: Wirtschaftspolitik ist auch Sozialpolitik
Wer den Einfluss von Wirtschaftsorganisationen in Berlin verstehen will, darf nicht allein auf Industrie- und Standortpolitik schauen. Ein wesentlicher Teil staatlicher Steuerung verläuft über Arbeitsmarkt-, Sozial- und Tarifpolitik. Genau hier beginnt die Rolle der klassischen Spitzenverbände – und damit auch die Frage, wie mittelstandsrelevant ihre Entscheidungen sind.
1. Die BDA – sozialpolitische Macht jenseits der Unternehmensgröße
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ist der zentrale sozialpolitische Spitzenverband der Arbeitgeber. Ihre Rolle ist nicht primär „Lobby“, sondern Systemfunktion: Koordination der Arbeitgeberseite, Mitgestaltung der Sozialpartnerschaft, Einfluss auf Arbeits- und Sozialrecht sowie auf zentrale Stellschrauben wie Lohnnebenkosten, Arbeitszeitregeln oder Sozialversicherung.
Mittelstandsrelevanz: indirekt, aber operativ spürbar
Die BDA vertritt nicht „den Mittelstand“ als Betriebsform, sondern Arbeitgeber als Rolle.
Damit ist sie strukturell größenneutral – aber für KMU oft besonders relevant, weil sozialpolitische Entscheidungen
im Alltag kleiner Betriebe unmittelbarer durchschlagen als in Konzernen mit großen Stäben und Pufferkapazitäten.
Merksatz: Die BDA verhandelt systemisch – viele KMU tragen die Konsequenzen operativ.
2. Der BDI – industrielle Macht mit mittelständischer Einbindung
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ist der mächtigste wirtschaftspolitische Verband im engeren Sinne.
Er bündelt die Interessen großer Industrieunternehmen und international ausgerichteter Branchen – und integriert zugleich den industriellen Mittelstand. Seine Machtressourcen liegen in volkswirtschaftlichem Gewicht, professioneller Dauerpräsenz, internationaler Vernetzung und einer tiefen Einbindung in politische Verfahren.
2a. Der industrielle Mittelstand im BDI: sichtbar, aber nicht hegemonial
Dass der industrielle Mittelstand im BDI nicht bloß ein Randthema ist, zeigt u. a. die Existenz des BDI/BDA-Mittelstandsausschusses. In Phasen erhöhter Aktivität wurde dort auch öffentlich formuliert, dass politische Bekenntnisse zum Mittelstand nicht genügen und „Zeit zu handeln“ sei.
Gleichzeitig bleibt die strategische Ausrichtung des BDI naturgemäß auf große, international wirksame Industriefragen konzentriert (Wettbewerb, Energie, Außenhandel, Geopolitik). Der Mittelstand wird dadurch häufig mitgedacht – aber selten als Maßstab gesetzt.
Einordnung: Im BDI ist der Mittelstand Teil der Argumentation – aber nur begrenzt agenda-setzend.
3. Der DIHK – formale Breite, strukturelle Schwerpunktsetzung
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) repräsentiert formal Millionen Unternehmen über die IHK-Struktur.
Damit ist er auf dem Papier die breiteste wirtschaftliche Interessenvertretung.
Seine institutionelle Stellung und seine routinierte Einbindung in Verfahren verschaffen ihm politischen Einfluss.
Zugleich führt die Aggregation sehr unterschiedlicher Mitgliedsinteressen dazu, dass Positionen am Ende häufig dort am klarsten ausfallen,
wo Politik „gesamtwirtschaftliche“ Hebel vermutet: export- und industriebezogene, international anschlussfähige Themen.
Das ist logisch – aber es verschiebt die Prioritäten oft weg von den spezifischen Engpässen kleiner Betriebe.
Einordnung: Der DIHK repräsentiert den Mittelstand formal – priorisiert ihn aber nicht automatisch.
4. Handwerksspitzen – geschlossen, legitimiert, thematisch eingehegt
Das Handwerk verfügt mit seinen Spitzenorganisationen (insbesondere dem Zentralverband des Deutschen Handwerks – ZDH) über eine vergleichsweise disziplinierte und gesellschaftlich stark legitimierte Interessenvertretung. Ausbildung, Fachkräfte, regionale Wertschöpfung und betriebliche Praxisnähe sind hier strukturell verankert.
Die Grenze liegt weniger in der Organisation als im Politikfeld: Bei industrie-, finanz- oder geopolitischen Großfragen ist der Einfluss des Handwerks naturgemäß begrenzter als der der Industrie- und Arbeitgeber-Spitzenverbände.
5. Warum diese Verbände dominieren
Der Vorsprung der klassischen Machtverbände beruht nicht auf „besseren Argumenten“, sondern auf strukturellen Vorteilen:
dauerhafte Apparate, klare Rollen, verlässliche Ansprechpartner, frühzeitige Einbindung in Verfahren und internationale Anschlussfähigkeit. Politik verhandelt lieber mit wenigen starken Akteuren als mit vielen schwachen – gerade in Krisenzeiten.
Zwischenfazit
BDI, BDA, DIHK und Handwerksspitzen prägen die wirtschafts- und sozialpolitische Arena, weil sie Machtressourcen bündeln und als systemisch kalkulierbar gelten. Der Mittelstand ist in diesen Strukturen präsent und betroffen – aber nur selten handlungsleitend.
Merksatz
Der Mittelstand wird mitgeführt – aber selten geführt.
Ausblick auf Teil 3
Teil 3 analysiert die Familienunternehmen: ihren politischen Einfluss, ihre Nähe zur Macht und die zentrale Frage, ob sie KMU repräsentieren – oder vor allem Eigentümerinteressen.
