Deutschland AG – als wirtschaftliche Verantwortung noch ein gemeinsames Anliegen war

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Deutschland braucht mehr als Wachstum, Deregulierung und immer neue Reformversprechen. Es braucht die Wiederentdeckung einer wirtschaftlichen Kultur, in der Unternehmer, Arbeitnehmer und Politik unterschiedliche Interessen vertreten, aber gemeinsam Verantwortung tragen. Die Geschichte der Deutschland AG zeigt, was verloren ging – und was wir heute neu schaffen könnten.

Die Deutschland AG – mehr als ein Netzwerk von Banken und Konzernen

Die Deutschland AG war über Jahrzehnte ein prägendes Merkmal der westdeutschen Wirtschaftsordnung. Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen waren durch Beteiligungen, Aufsichtsratsmandate und langfristige Geschäftsbeziehungen miteinander verbunden. Kapital war häufig nicht nur eine handelbare Anlage, sondern Ausdruck dauerhafter wirtschaftlicher Bindungen. Das System hatte erhebliche Schwächen: Machtkonzentration, mangelnde Transparenz und die gegenseitige Absicherung wirtschaftlicher Eliten. Zugleich existierte es innerhalb einer Wirtschaftsordnung, die mehr kannte als Aktienkurse und Kapitalrenditen: Tarifautonomie, Mitbestimmung, industrielle Standortverantwortung und gesellschaftlichen Interessenausgleich.

Die Deutschland AG war nicht mit der Sozialen Marktwirtschaft identisch. Aber beide prägten eine Wirtschaftskultur, in der langfristiges Denken und die Verantwortung für den Standort Deutschland einen hohen Stellenwert hatten.

Sozialpartnerschaft war gelebte wirtschaftliche Vernunft

Der Herausgeber des Mittelstandsjournals hat diese Wirtschaftskultur selbst erlebt. Nach seiner Ausbildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) war er über Jahre Geschäftsführer der VMU, einer inzwischen nicht mehr bestehenden Vereinigung des industriellen Mittelstands. Bereits in den 1980er-Jahren nahm er an Tarifverhandlungen teil.

Diese Verhandlungen waren hart, gelegentlich ausgesprochen kontrovers. Aber sie wurden mit dem Willen geführt, zu einem tragfähigen Ergebnis zu kommen. Arbeitgeber und Gewerkschaften waren Interessenvertreter, keine Feinde. Beide wussten, dass sie auch morgen miteinander auskommen mussten.

Gerade im industriellen Mittelstand war diese Erkenntnis tief verwurzelt. Der Unternehmer kannte seine Mitarbeiter, ihre Fähigkeiten und ihre Bedeutung für den Betrieb. Die Beschäftigten wiederum wussten, dass ihre berufliche Zukunft von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Unternehmens abhing. Arbeit und Kapital waren keine natürlichen Gegner, sondern aufeinander angewiesen. Das beseitigte keine Interessengegensätze, machte aber vernünftige Kompromisse möglich.

Schröder, Eichel und das Ende einer Wirtschaftsordnung

Ein entscheidender Einschnitt erfolgte unter Bundeskanzler Gerhard Schröder und Finanzminister Hans Eichel. Die Steuerreform von 2000, deren wesentliche Regelungen 2001 und 2002 wirksam wurden, erleichterte die Auflösung gegenseitiger Unternehmensbeteiligungen. Bestimmte Veräußerungsgewinne wurden für Kapitalgesellschaften weitgehend steuerfrei. Die Deutschland AG verlor damit einen wesentlichen Teil ihrer bisherigen Struktur.

Die Reform beseitigte überkommene Verflechtungen und eröffnete wirtschaftliche Spielräume. Zugleich begünstigte sie den Übergang zu einer stärker kapitalmarktorientierten Unternehmensführung. Die Frage ist, ob mit der Entflechtung wirtschaftlicher Macht auch ein Teil langfristiger unternehmerischer Verantwortung verloren ging. Dass damals Vertreter der Finanzwirtschaft zeitweise in Ministerien mitarbeiteten, warf zudem Fragen nach Interessenkonflikten und politischer Unabhängigkeit auf.

Parallel dazu veränderte die Agenda 2010 mit den Hartz-Reformen den Arbeitsmarkt und die soziale Sicherung. Die Reformen hatten unterschiedliche Wirkungen, doch insbesondere Hartz IV wurde für viele Menschen zum Symbol einer Politik, die wirtschaftliche Anpassung vor allem von Arbeitnehmern und sozial Schwächeren verlangte. Kapitalmarktliberalisierung und Arbeitsmarktreformen waren unterschiedliche Maßnahmen. Gemeinsam stehen sie jedoch für eine Epoche, in der Wettbewerbsfähigkeit und Flexibilisierung zunehmend die politische Debatte bestimmten.

Welchen Mittelstand vertritt die Politik eigentlich?

Heute wird in Berlin viel über den Mittelstand gesprochen. Doch der inhabergeführte Industriebetrieb ist nicht mit einem international agierenden Beteiligungsunternehmen gleichzusetzen. Der Handwerksmeister mit zwölf Beschäftigten hat andere Sorgen als der Vorstand eines börsennotierten Konzerns. Mittelstandspolitik muss diese Unterschiede berücksichtigen.

Das gilt auch für die Union. Politiker wie Katherina Reiche und Christian von Stetten betonen Wettbewerbsfähigkeit, unternehmerische Freiheit und wirtschaftliche Reformen. Diese Ziele sind legitim. Aber eine Wirtschaftspolitik, die sich auf Arbeitskosten, Steuern und Deregulierung konzentriert, greift zu kurz. Sie muss auch die langfristige Leistungsfähigkeit der Betriebe, die Beschäftigten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt berücksichtigen.

Die Mitarbeiter sind keine beliebig austauschbaren Kostenfaktoren. Ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Identifikation mit dem Unternehmen gehören zu dessen wertvollstem Kapital. Wer das übersieht, hat einen wesentlichen Teil mittelständischer Unternehmenskultur nicht verstanden.

Deutschland braucht einen neuen wirtschaftlichen Konsens

Die Herausforderungen sind bekannt: schwache Investitionen, hohe Energiekosten, Bürokratie, Fachkräftemangel, demografischer Wandel und geopolitische Unsicherheit. Doch statt gemeinsamer Lösungen erleben wir häufig eine Politik der gegenseitigen Schuldzuweisung. Arbeitgeber werden gegen Arbeitnehmer, Wirtschaft gegen Sozialstaat und politische Parteien gegeneinander ausgespielt.

Deutschland braucht deshalb eine neue Kultur des Einvernehmens – keine konfliktfreie Politik, sondern die Bereitschaft, Konflikte im gemeinsamen Interesse zu lösen.

Dazu gehört eine neue konzertierte Aktion, in der Bundesregierung, Arbeitgeber, Gewerkschaften und industrieller Mittelstand verbindliche Ziele für Investitionen, Produktivität, Beschäftigung und soziale Sicherheit vereinbaren. Der industrielle Mittelstand benötigt dabei eine eigenständige Stimme, die nicht von den Interessen großer Konzerne überlagert wird.

Kapital muss wieder stärker in langfristige industrielle Investitionen, Innovation und Unternehmensnachfolge fließen. Tarifautonomie und Mitbestimmung sollten als wirtschaftliche Stärken verstanden werden. Der Sozialstaat braucht weniger Verwaltung und mehr Wirksamkeit, die öffentliche Daseinsvorsorge verlässliche Strukturen. Und eine funktionierende digitale Verwaltung muss Bürger und Unternehmen entlasten, statt neue Abhängigkeiten zu schaffen.

Vor allem aber braucht Deutschland eine politische Kultur, in der demokratische Parteien bei langfristigen Aufgaben über Legislaturperioden hinweg zusammenarbeiten können. Ein Kompromiss ist keine Niederlage, sondern kann Ausdruck politischer Vernunft sein.

Von der Deutschland AG zur europäischen Verantwortung

Langfristig könnte aus diesen Überlegungen sogar die Vision einer Europa AG entstehen: keine neue Dachgesellschaft der europäischen Wirtschaft, sondern eine Gemeinschaft langfristiger Investitionen, industrieller Zusammenarbeit, wirtschaftlicher Souveränität und sozialer Verantwortung. Angesichts der geopolitischen Veränderungen und der Unsicherheit im Verhältnis zu den USA verdient dieser Gedanke eine eigene Diskussion.

Doch zunächst muss Deutschland selbst wieder lernen, seine wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfte zusammenzuführen. Es muss dabei nicht einem Politikverständnis folgen, das persönliche Durchsetzung, kurzfristige Transaktionen und Konfrontation über institutionelle Zusammenarbeit stellt.

Fazit: Nicht zurück zur alten Deutschland AG – zurück zur gemeinsamen Verantwortung

Die Deutschland AG gehört der Vergangenheit an. Ihre alten Kapitalverflechtungen müssen nicht wiederhergestellt werden. Aber die Kultur langfristiger Verantwortung, die sich in der Sozialpartnerschaft und im industriellen Mittelstand entwickelte, verdient eine neue Zukunft.

Deutschland wird seine Probleme nicht lösen, indem Arbeitgeber gegen Arbeitnehmer, Wirtschaft gegen Sozialstaat oder politische Parteien dauerhaft gegeneinander ausgespielt werden. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, unternehmerische Freiheit und soziale Sicherheit gehören zusammen. Das gilt auch für die Politik der jetzigen Koalition. 
Die Erfahrungen aus den Tarifverhandlungen der 1980er-Jahre erinnern an eine einfache Erkenntnis: Man kann hart miteinander streiten und dennoch gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Nicht der Sieg des einen über den anderen, sondern die Fähigkeit, gemeinsam wieder erfolgreich zu werden – darin könnte der Schlüssel für Deutschlands wirtschaftlichen und politischen Neubeginn liegen.