Ist Pantisano ein Partisano in der Linkspartei?

Politik / Parteien – Kommentar
Deutschland braucht in seiner angespannten Lage demokratische Solidarität von der Mitte bis links. Jan van Aken machte die Linke dafür wieder ansprechbarer. Sein Nachfolger Luigi Pantisano gefährdet diesen Gewinn durch politisch unreife Gleichsetzungen. Doch auch die Bundes-CDU muss sich fragen lassen, ob das Festhalten an alten Ausschlussbeschlüssen noch verantwortbar ist. Politik muss man mit dem Hirn machen.
Die Linke hatte eine Chance: wieder ernst genommen zu werden. Unter Jan van Aken und Ines Schwerdtner gewann sie neuen Rückhalt. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte sie 8,8 Prozent. Das war keine persönliche Einzelleistung van Akens. Aber er gab der Partei ein Gesicht, das auch Menschen ansprechen konnte, die mit Sozialismus wenig im Sinn haben. Man musste seine Forderungen nicht teilen, um ihm zuzuhören. Gerade für eine Partei, deren politische Sprache Außenstehende häufig abschreckt, war das ein Gewinn.
Eine soziale Opposition wird gebraucht. Wer bezahlbares Wohnen, eine verlässliche Pflege und eine öffentliche Daseinsvorsorge verlangt, muss deshalb noch lange kein Sozialist sein. Auch aus der Sozialen Marktwirtschaft heraus lässt sich fragen, warum notwendige Leistungen immer stärker zu Anlageobjekten werden und warum Menschen trotz jahrzehntelanger Arbeit um ihre Sicherheit fürchten müssen. Eine Linke, die solche Fragen verständlich stellt und belastbare Antworten entwickelt, kann weit über ihr Stammmilieu hinaus Zustimmung finden.
Dann kam Luigi Pantisano – und mit ihm eine Entgleisung, die den politischen Fortschritt gefährdet. Noch vor seiner Wahl zum Co-Vorsitzenden erklärte er sinngemäß, zwischen der Politik von CDU und AfD bestehe derzeit kein Unterschied, und warf der CDU faschistische Politik vor. Am 22. Juni nahm er die Gleichsetzung zurück, bezeichnete sie als falsch und bat um Entschuldigung. In seiner Richtigstellung betonte er selbst, dass demokratische Gegner von Kräften unterschieden werden müssen, die die Demokratie abschaffen wollen.
Genau diese Unterscheidung hätte er schon vorher beherrschen müssen. Sie gehört zum politischen Grundwissen. Die CDU ist hart zu kritisieren, wenn ihre Politik soziale Spaltungen vertieft oder sie Positionen der AfD übernimmt. Aber einzelne Übereinstimmungen rechtfertigen keine pauschale Gleichsetzung. Wer diesen Unterschied einebnet, macht aus einer notwendigen Auseinandersetzung eine Lagerparole. Und er hilft der AfD, sich als gewöhnlicher Bestandteil des Parteienspektrums darzustellen.
Eine Entschuldigung ist richtig. Sie ersetzt jedoch keine politische Urteilskraft. Niemand muss wegen eines falschen Satzes für immer abgeschrieben werden. Aber bei der Besetzung einer Parteispitze darf man fragen, ob der Kandidat das nötige Verantwortungsbewusstsein erkennen lässt. Pantisanos Aussage fiel vor seiner Wahl. Die Delegierten konnten sie also in ihre Entscheidung einbeziehen. Trotzdem wählten sie ihn – mit gerade einmal 53,3 Prozent und ohne Gegenkandidaten. Das war eine knappe Legitimation, kein überzeugender Vertrauensbeweis.
Hier liegt der Kern des Fehlers: Die Linke brauchte einen Vorsitzenden, der Vertrauen erweitert. Van Akens Nachfolger hätte Menschen gewinnen müssen, die soziale Korrekturen wollen, aber ideologische Selbstgewissheit ablehnen. Wer Millionen demokratische Wähler mit einer solchen Gleichsetzung vor den Kopf stößt, erschwert diese Öffnung. Arbeiter, Angestellte, Selbständige und kleinere Unternehmer erreicht man nicht dadurch, dass man ihre bisherigen politischen Bindungen unterschiedslos unter Faschismusverdacht stellt.
Auch der Mittelstand ist kein geschlossenes feindliches Lager. Ein Handwerksmeister, der Ausbildung finanziert und für seine Beschäftigten Verantwortung trägt, ist etwas anderes als ein Konzern, der Gewinne verschiebt und Risiken der Allgemeinheit überlässt. Wer wirtschaftliche Macht kritisiert, muss diese Unterschiede verstehen. Sonst verliert eine berechtigte Kritik an Ausbeutung und Machtkonzentration ihre Überzeugungskraft.
Aber die Verantwortung endet nicht bei der Linken. Die Bundes-CDU hält an ihrem Unvereinbarkeitsbeschluss von 2018 fest, der Koalitionen und ähnliche Formen der Zusammenarbeit sowohl mit der Linken als auch mit der AfD ausschließt. Friedrich Merz bekräftigte diesen Ausschluss Anfang September. Die CDU betont zwar ausdrücklich, beide Parteien nicht gleichzusetzen und unterschiedliche Gründe für ihre Abgrenzung zu haben. Trotzdem versperrt sie sich damit pauschal auch den Weg zu einer Zusammenarbeit mit demokratischen Kräften innerhalb der Linken.
Ein alter Parteitagsbeschluss entbindet niemanden von der Pflicht, die heutige Lage zu beurteilen. Die Geschichte der Linken, ihre Programmatik und problematische Strömungen in der Partei verlangen eine kritische Prüfung. Aber wer daraus ein dauerhaftes Verbot jeder koalitionsähnlichen Zusammenarbeit macht, ersetzt die Prüfung konkreter Partner durch eine parteipolitische Schablone. Wenn demokratische Mehrheiten auf dem Spiel stehen, muss sich ein solcher Beschluss an seinen Folgen messen lassen. Parteitagsbeschlüsse sind veränderbar. Sie sind keine Staatsräson.
Gerade jetzt braucht Deutschland Solidarität von der Mitte bis links. Wirtschaftliche Unsicherheit, soziale Spannungen und der Druck der AfD verlangen von den demokratischen Parteien die Fähigkeit, über ihre Lagergrenzen hinweg Verantwortung zu übernehmen. Diese Solidarität verlangt weder ein gemeinsames Parteiprogramm noch eine Koalition um jeden Preis. Sie verlangt die Bereitschaft, miteinander zu sprechen, tragfähige Kompromisse zu suchen und demokratische Handlungsfähigkeit zu sichern. Über Steuern, Eigentum und Sozialpolitik darf hart gestritten werden. Die gemeinsame Verantwortung für die Demokratie darf dabei nicht verloren gehen.
Politik muss man mit dem Hirn machen. Das gilt für einen Linken-Co-Chef, der die CDU unter Faschismusverdacht stellt, ebenso wie für eine CDU-Spitze, die einen alten Ausschlussbeschluss hochhält, als könne dieser jede neue politische Lage beantworten. Beides ist aus unserer Sicht falsch. Die Fehler sind unterschiedlich, aber sie verstärken dieselbe Blockade: Demokratische Parteien machen einander die Zusammenarbeit schwer und verengen damit ihre eigenen Möglichkeiten gegenüber der AfD. Wer vom anderen Vernunft verlangt, muss sie selbst aufbringen.
„Partisano“ ist deshalb mehr als ein Wortspiel. Es bezeichnet hier die Gefahr eines Vorsitzenden, der für die Zustimmung im eigenen Lager kämpft und dabei die Menschen aus dem Blick verliert, die seine Partei erst noch überzeugen muss. Ob Pantisano sich dauerhaft so verhält, ist offen. Seine spätere Korrektur lässt eine andere Entwicklung zu. Sein Auftakt gibt aber Anlass zu erheblichem Zweifel. Zugleich darf die Union seine Entgleisung nicht als bequemen Vorwand nehmen, jede Verständigung mit der Linken auf Dauer abzulehnen.
Fazit: Pantisanos Wahl war aus unserer Sicht ein politischer Fehler. Seine Gleichsetzung von CDU und AfD zeigte politische Unreife und gefährdete die unter van Aken gewonnene Anschlussfähigkeit. Aber ebenso falsch ist das starre Festhalten der Bundes-CDU an ihrem pauschalen Ausschluss der Linken. Deutschland braucht demokratische Solidarität von der Mitte bis links. Dafür müssen beide Seiten ihre Verantwortung für das Land über die Selbstbestätigung des eigenen Lagers stellen. Politik muss man mit dem Hirn machen.
Quellen
- Die Linke: Pantisanos Richtigstellung zur CDU-Aussage, 22. Juni 2026
- Tagesschau: Wahl von Schwerdtner und Pantisano, 20. Juni 2026
- ZDFheute: Neue Parteispitze und Rückblick auf das Bundestagswahlergebnis
- CDU: Beschlusslage zur Zusammenarbeit mit AfD und Linkspartei
- CDU: Erläuterung der unterschiedlichen Abgrenzungsgründe
- CDU: Merz bekräftigt den Ausschluss einer Zusammenarbeit, 1. September 2026
