Die AfD hat das Pöbeln ausgelagert

Demokratie & Medien
Politiker produzieren Clips statt Argumente. Die AfD beherrscht dieses Geschäft – und rechte Streamer bedrängen inzwischen Journalisten direkt vor der Kamera. Wer das für einen harmlosen Nebeneffekt des Wahlkampfs hält, hat aus der Geschichte wenig gelernt.
Katharina Dröge sagt in einem SPIEGEL-Interview einen Satz über den Zustand der Politik, der hängen bleiben muss: Fraktionen beschäftigen mehr Leute für soziale Medien und weniger für Sachthemen. Die Politikerin beschreibt, wie aus einer langen Rede eine Sekunde herausgeschnitten wird, die anschließend stärker wirkt als alles, was sie tatsächlich gesagt hat. Das Parlament arbeitet; die Plattform entscheidet, was davon beim Publikum ankommt.
Davon profitiert, wer die einfachste und aggressivste Botschaft hat. Die AfD erklärt sich zum Sprachrohr „des Volkes“, ihre Gegner zu dessen Feinden und kritische Medien zu einem Teil des angeblichen Komplotts. Das ist die Methode des Trumpismus: Jede Kritik bestätigt die eigene Erzählung. Jeder Widerspruch liefert Stoff für den nächsten Auftritt.
Die Partei trifft damit auf wirkliche Probleme. Menschen sorgen sich um Arbeit, Einkommen, Rente und die Zukunft ihrer Region. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, wie stark Transformationssorgen und Ungerechtigkeitsgefühle mit dem Zuspruch zur AfD zusammenhängen. Diese Sorgen verdienen politische Antworten. Die AfD macht daraus eine Waffe gegen ihre Gegner.
Ihre Erfolge lassen sich nicht wegreden. In Sachsen-Anhalt holte sie im September 43,8 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern 38,2 Prozent der Stimmen. Und der Westen ist keineswegs immun: Bei der Bundestagswahl 2025 kamen rund 70 Prozent aller AfD-Stimmen aus den alten Bundesländern. Unter Arbeitern erreichte die Partei 38 Prozent. Wer nur auf den Osten zeigt, sieht die Hälfte des Problems nicht.
Einschüchterung wird zum Inhalt
Im Wahlkampf von Ulrich Siegmund liefen rechte Streamer mit. Matthäus Westfal, der sich „Aktivist Mann“ nennt, bedrängte auf der AfD-Wahlparty die SPIEGEL-Journalistin Ann-Kathrin Müller. Die Kamera macht aus dem Angriff eine Vorführung: Seht her, so behandeln wir jemanden, der uns kritisch befragt. Dass die Partei nach solchen Auftritten Abstand behauptet, ändert nichts an der politischen Wirkung ihres Umgangs mit diesem Umfeld.
Man muss die Geschichte nicht gleichsetzen, um ihre Warnung zu verstehen. Demokratie gerät in Gefahr, wenn eine politische Bewegung ihre Gegner nicht mehr als Gegner behandelt, sondern als Menschen, die aus dem öffentlichen Raum gedrängt werden sollen. Heute kann Einschüchterung vor laufender Kamera stattfinden. Der Angriff endet nicht, wenn der Streamer weggeht. Dann beginnt seine Verbreitung.
In Ungarn wurden kritische Journalisten Ziel von Kampagnen; unter der PiS-Regierung in Polen gerieten unabhängige Medien durch politischen Einfluss und Klagen unter Druck. Auch in Trumps USA dokumentieren Pressefreiheitsorganisationen wachsenden Druck auf Reporter. Die Methoden unterscheiden sich. Der Zweck ist erkennbar: Wer Macht kontrollieren soll, soll stattdessen um seine eigene Sicherheit und Arbeitsfähigkeit besorgt sein.
Eine Volkspartei? Nein: eine Partei mit einem Machtanspruch
Die AfD hat 2025 bei der Bundestagswahl 20,8 Prozent erzielt. Das ist ein gewaltiger Erfolg. Es ist kein Mandat, sich „das Volk“ zu nennen. Vier von fünf Wählern gaben ihre Zweitstimme einer anderen Partei. Auch das Bild von der reinen Arbeiterpartei täuscht: Laut WSI sind knapp 19 Prozent ihrer Wähler Arbeiter, 60 Prozent Angestellte. Ihre Stärke ist real. Ihr Anspruch, für alle zu sprechen, ist Propaganda.
Eine aktuelle Erhebung misst 66 Prozent Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht, aber nur 38 Prozent in den Bundestag. Wer darin keinen Alarm für die parlamentarische Demokratie hört, will ihn nicht hören. Diese Zahlen erklären nicht allein, warum das Vertrauen gesunken ist. Sie zeigen aber, was auf dem Spiel steht, während sich Politiker immer mehr nach der Logik der Plattformen richten.
Fazit
Die AfD gewinnt Stimmen an der Wahlurne und kämpft zugleich um die Herrschaft über das öffentliche Bild. Rechte Streamer verbreiten ihre Botschaften und führen kritische Journalisten vor. Demokratische Parteien dürfen das weder als bloßen Stilbruch behandeln noch die Sorgen der AfD-Wähler verachten. Sie müssen der Einschüchterung widersprechen und den Menschen zeigen, dass Politik ihre Probleme lösen kann. Sonst bleibt auf dem Bildschirm nur noch der lauteste Angreifer.
Quellen
- DER SPIEGEL, Interview mit Katharina Dröge vom 28. September 2026: „Wir spielen ein Spiel, das uns am Ende alle kaputtmacht“.
- rbb/Kontraste: Die AfD und ihre Streamer
- Landeswahlleitung Sachsen-Anhalt: Landtagswahl 2026 und Landtag Mecklenburg-Vorpommern: vorläufiges Wahlergebnis 2026
- Bundeszentrale für politische Bildung: Wahlergebnisse und Wählerschaft der AfD
- Hans-Böckler-Stiftung: Die Verdopplung des AfD-Elektorats
- Bundeswahlleiterin: endgültiges Ergebnis der Bundestagswahl 2025
- YouGov: Vertrauen in Bundesverfassungsgericht und Bundestag
- Reporter ohne Grenzen: Ungarn, Freedom House: Polen und Committee to Protect Journalists: USA
