Wer vertritt den Mittelstand wirklich?
Teil 3: Die Familienunternehmen – Mittelstandsvertretung oder Eigentümerlobby?
HINTERGRUND
Familienunternehmen genießen in Deutschland hohes Ansehen – und werden politisch häufig mit dem Mittelstand gleichgesetzt. Doch Familienunternehmen definieren sich über Eigentum und Kontrolle, nicht über Größe. Teil 3 beleuchtet die historische Wurzel (ASU), die politische Agenda und die Grenzen eines Vertretungsanspruchs, der oft „für den Mittelstand“ reklamiert wird.
1. Historische Wurzeln: Von der ASU zu den Familienunternehmen
Die heutige Organisation der Familienunternehmen hat eine Vorgeschichte: Sie ist historisch aus der ASU (Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer) hervorgegangen.
Damit war von Beginn an ein bestimmter Fokus angelegt: Selbständigkeit, Eigentum, ordnungspolitische Stabilität – und weniger eine breite Abbildung des gesamten KMU-Alltags in all seinen Branchen- und Größenunterschieden.
Mit der späteren Profilbildung als Verband der Familienunternehmen wurde diese Linie strategisch geschärft: weg vom breiten Begriff der Selbständigkeit, hin zur klaren Konzentration auf Eigentum, Vermögensbindung und Nachfolge. Diese Fokussierung ist politisch wirksam – aber zugleich enger als der klassische KMU-Begriff.
2. Was Familienunternehmen sind – und was nicht
Familienunternehmen definieren sich primär durch Eigentums- und Kontrollstrukturen. Dazu zählen kleine inhabergeführte Betriebe ebenso wie sehr große Unternehmen mit tausenden Beschäftigten. Deshalb gilt: Familieneigentum ist kein Mittelstandskriterium.
Viele KMU sind familiengeführt. Umgekehrt sind jedoch nicht alle Familienunternehmen mittelständisch – weder in Struktur, noch in Interessenlage. Wer beides gleichsetzt, vermischt Betriebsrealitäten, die sich deutlich unterscheiden können.
3. Politische Agenda: Eigentümerpolitik mit mittelständischem Kontext
Die familienunternehmerische Interessenvertretung ist im Vergleich zu vielen KMU-Verbänden auffallend fokussiert.
Im Zentrum stehen seit Jahren:
- Unternehmensnachfolge
- Erbschaft- und Vermögensteuer
- Eigentumsschutz und Investitionsbedingungen
- Unternehmensbesteuerung und Eingriffsgrenzen staatlicher Politik
Diese Themen sind legitim – sie sind jedoch nicht identisch mit dem, was viele kleine Betriebe täglich beschäftigt: Bürokratie, Fachkräftemangel, Liquidität, Sozialabgaben, kleinteilige Regulierung.
Damit wird deutlich: Die Agenda der Familienunternehmen ist keine umfassende Mittelstandspolitik, sondern eine Eigentümerpolitik im mittelständischen Kontext.
4. Nähe zur Macht: Warum Familienunternehmen politisch besonders anschlussfähig sind
Familienunternehmen verfügen über Machtressourcen, die klassischen KMU-Verbänden häufig fehlen: Kapitalbindung, Beschäftigungseffekte, regionale Schlüsselrollen, persönliche Netzwerke sowie eine narrative Anschlussfähigkeit („Verantwortung über Generationen“).
Das schafft Zugang – zu Politik, Medien und Debatten, in denen steuer- und ordnungspolitische Fragen verhandelt werden.
Diese Anschlussfähigkeit ist ein Vorteil – zugleich verstärkt sie die Erwartung, der Verband spreche „für den Mittelstand“, obwohl er strukturell primär eine Eigentümerperspektive bündelt.
5. Politische Sensibilität: Wenn Kommunikation zur strategischen Schlüsselfrage wird
Je näher ein Verband an der Macht agiert, desto stärker wird seine Kommunikation zum strategischen Faktor.
Der jüngste öffentliche Streit im Umfeld wirtschaftsnaher Verbände über den Umgang mit der AfD hat gezeigt, wie rasch Interessenvertretung in Reputationsrisiken und innere Konflikte geraten kann – oft nicht wegen des Ziels (Interessen artikulieren), sondern wegen unklarer Linien, missverständlicher Signale oder mangelnder Abstimmung.
Eine nüchterne Lehre daraus lautet: Nicht „Interessenvertretung“ ist das Problem, sondern die Anforderungen an politisch saubere Grenzziehung, abgestimmte Außenkommunikation und Führungssicherheit.
Gerade in polarisierten Zeiten ist dies die eigentliche Königsdisziplin der Verbandsarbeit.
6. Das Repräsentationsproblem: Wer spricht für wen?
Wenn Familienunternehmen öffentlich erklären, sie sprächen „für den Mittelstand“, verschwimmen drei Ebenen: Eigentümerinteressen, Interessen größerer Betriebe und die Alltagsrealität kleiner Unternehmen. Diese Ebenen überschneiden sich, sind aber nicht identisch.
Fazit dieser Unterscheidung: Familienunternehmen sind ein wichtiger Teil des Mittelstands – aber nicht automatisch seine umfassende Stimme. Ihr Anspruch ist legitim, solange er nicht als Alleinvertretung verstanden wird.

