Make America Governable
Warum Europas Modell nicht exportiert werden muss – sondern verstanden

KOMMENTAR & ANALYSE
Der britische Oxford-Historiker Peter Frankopan hat kürzlich in einem Interview eine Beobachtung formuliert, die in Europa oft empfunden, aber selten so nüchtern ausgesprochen wird: In den oberen Etagen von Finanzwelt, Tech-Konzernen und Management in New York herrscht eine bemerkenswerte Arroganz gegenüber Europa.
Europa gilt dort als langsam, regulierungsverliebt, konfliktscheu – kurz: als Vergangenheit. Was diese Sichtweise verkennt, ist nicht ein Detail, sondern das Wesentliche: Europa ist nicht schwach. Europa ist gereift.
Die Arroganz der Macht ist kein Zeichen von Stärke
Frankopans Kritik richtet sich nicht gegen Amerika als Gesellschaft, sondern gegen eine Machtelite, die Geschichte als Last betrachtet und Institutionen für Bremsklötze hält. Diese Haltung ist kein neues Phänomen. Sie ist typisch für Gesellschaften in einer Phase ökonomischer und technologischer Dominanz.
Rom, Spanien, Großbritannien – alle großen Mächte kannten diesen Moment: Wenn Geschwindigkeit Erfahrung ersetzt und Macht mit Selbstgewissheit verwechselt wird. Europa kennt diesen Punkt – weil es ihn mehrfach überschritten und teuer bezahlt hat.
Europa als gereifte Muttergesellschaft
Europa ist keine junge, aufstrebende Zivilisation. Es ist eine alte, konflikterprobte Gesellschaft, die gelernt hat, mit inneren Widersprüchen zu leben. Klassenkonflikte, Kapital und Arbeit, Nationalstaaten, Kriege, Wiederaufbau – all das hat Institutionen hervorgebracht, die nicht elegant, aber stabil sind.
Sozialpartnerschaft, Tarifautonomie, Kammern, Arbeitgeberverbände, Mitbestimmung und Sozialstaat sind keine ideologischen Projekte, sondern Ergebnisse historischer Lernprozesse. Wer Europa deshalb als „veraltet“ abtut, übersieht:
Diese Ordnung ist nicht Ausdruck von Schwäche, sondern von Erfahrung.
Amerika steht vor Lernprozessen, die Europa hinter sich hat
Die USA stehen heute vor Problemen, die Europa nicht fremd sind:
Polarisierung, soziale Spaltung, Übermacht einzelner Konzerne, politische Blockaden und ein wachsendes Misstrauen gegenüber Institutionen. Der reflexhafte Ruf nach „Greatness“ übersieht, dass es nicht an Größe fehlt – sondern an Einbettung. Was fehlt, ist nicht Dynamik, sondern Vermittlung.
Deshalb wäre der eigentlich notwendige Slogan nicht:
Make America Great Again, sondern: Make America Governable.
Warum Europas Modell nicht exportiert werden muss
Europas Gesellschaftsmodell eignet sich nicht zum Export. Es ist historisch gewachsen, kulturell verankert und institutionell verdichtet. Wer es kopieren will, wird scheitern.
Aber es eignet sich zum Verstehen.
Als Beispiel dafür, dass Wirtschaft ohne soziale Einbettung politisch instabil wird.
Dass Konflikte nicht verschwinden, wenn man sie ignoriert – sondern eskalieren.
Der Schlussakkord
Europas Stärke liegt nicht in Lautstärke oder Tempo. Sie liegt in der Fähigkeit, Konflikte zu institutionalisieren und Macht zu begrenzen – auch wirtschaftliche.
Wer das als Schwäche interpretiert, verwechselt Jugend mit Reife.
Europa muss niemanden belehren. Aber es darf selbstbewusst sagen:
Unser Modell ist kein Relikt. Es ist eine Antwort auf Geschichte.
