Berichten, was ist – nicht, was klickt
Wie deutsche Medien aus der Empörungsfalle kommen und der Demokratie wieder dienen können
Kommentar & Analyse von J. E. Metzger
Die Presse als tragende Säule der Demokratie – und ihr Problem mit Social Media
In der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik ist die Presse nicht Dekoration, sondern tragende Säule: Sie ordnet Fakten ein, trennt Wichtiges von Lautem und ermöglicht dem Parlament, auf einer informierten Grundlage zu entscheiden. Das klassische Leitmotiv „berichten, was ist“ hat genau das zum Ziel – nicht mehr und nicht weniger.
Doch in den vergangenen Jahren hat sich der Kompass vieler Redaktionen verschoben. Die Logik von Social Media – Algorithmen, Reichweite, schnelle Empörung – dringt tief in die redaktionelle Arbeit ein. Themen, Tonfall und Taktung orientieren sich immer stärker daran, was auf X, TikTok oder Instagram triggert.
Die Folge: Die Medien treiben den politischen Betrieb vor sich her, anstatt ihn nüchtern zu begleiten. Das Parlament reagiert – ist aber in dieser Logik nur noch Nebenprodukt.
Diese Analyse richtet sich daher nicht zuerst an Abgeordnete, sondern an die Medien selbst –„mit Mann und Maus“.
Es geht um die Frage: Dienen deutsche Leitmedien noch in erster Linie der Aufklärung der Bürgerinnen und Bürger oder sind sie bereits zu Getriebenen eines Empörungs- und Aufmerksamkeitsmarktes geworden?
Empörungsökonomie: Wenn Social-Media-Logiken das Nachrichtengeschäft übernehmen
Social-Media-Plattformen belohnen, was starke Emotionen auslöst – allen voran Wut und Empörung. Studien zu „Rage-Bait“ zeigen, dass empörungsgetriebene Schlagzeilen deutlich mehr Engagement erzeugen als nüchterne Informationsangebote.
Für die Plattformen ist das ein Geschäftsmodell, für die Demokratie ein Risiko.
Politische Klickbait- und Ragebait-Überschriften steigern zwar kurzfristig Aufmerksamkeit, bringen den Medien aber langfristig überraschend wenig zusätzlichen ökonomischen Nutzen, während das Vertrauen der Leserinnen und Leser leidet.
Trotzdem hat sich vielerorts eine Praxis etabliert, in der Aufregung als zentrale Währung behandelt wird – ganz im Sinne eines entfesselten Medienkapitalismus: Auflage, Klicks, Vermarktung.
Ein besonders schädlicher Nebeneffekt: Social Media setzt permanent Themen. Große Teile der deutschen Presselandschaft springen über jedes Stöckchen, das ihnen dort – oft aus dem Umfeld radikaler Akteure – hingehalten wird. Donald Trump, AfD, bewusst polarisierende Influencer: Sie definieren, worüber gesprochen wird. Die Medien folgen und verstärken, statt den Lärm zu filtern.
Zwischen Auflage und Auftrag: Die deutsche Medienlandschaft im Stresstest
Die großen, reichweitenstarken Marken – von Boulevard wie Bild bis hin zu Qualitätsanspruch erhebenden Häusern wie Spiegel, Süddeutsche Zeitung, Welt, FAZ oder den großen TV-Nachrichtenformaten – stehen unter massivem wirtschaftlichen Druck. Sinkende Printauflagen, bröckelnde Anzeigenmärkte, steigende Kosten: In dieser Lage wirkt Social Media wie ein verführerisches Versprechen auf „kostenlose Reichweite“.
Die Konsequenz ist sichtbar:
- Themen werden häufig entlang der Social-Media-Logik ausgewählt: Was triggert? Was empört?
- Überschriften werden zugespitzt, Personalisierung und Skandalisierung dominieren.
Statt seriöser Einordnung entstehen immer häufiger politische Serien-Soaps. - Trennung von Nachricht und Kommentar verschwimmt: Meinungsstarke Einordnungen werden
wie Nachrichten präsentiert, Headlines arbeiten mit Wertung, bevor der erste Fakt erklärt ist.
Besonders problematisch ist, dass sich Redaktionen in den gleichen Aufmerksamkeitswettbewerb einreihen wie Influencer und politische Kampagnenorganisationen. Die Frage, ob ein Thema wirklich demokratierelevant ist, wird überlagert von der Frage, ob es „läuft“. Das erzeugt eine permanente Überhitzung der öffentlichen Debatte.
Der Bundestag als Resonanzraum – nicht als Taktgeber
Junge Abgeordnete aller Parteien – in der Mitte ebenso wie am Rand – sind heute stark social-media-affin. Sie kennen die Mechaniken von Reichweite, Likes und Empörung. Wenn Leitmedien dieselben Mechaniken übernehmen, entsteht eine gefährliche Rückkopplungsschleife:
- Social Media setzt Themen – die Medien greifen sie auf, zuspitzen sie und verstärken sie.
- Abgeordnete reagieren auf die mediale Agenda, liefern soundbite-taugliche Konflikte.
- Diese Bilder wandern zurück in Social Media und werden dort weiter emotionalisiert.
Das Parlament wird so zum Resonanzraum einer Empörungsökonomie, die anderswo gesteuert wird – häufig von Akteuren, die kein Interesse an konstruktiver demokratischer Debatte haben. Dies ist die eigentliche Gefahr für die Demokratie: Nicht das eine „falsche“ Medium oder die eine Partei, sondern ein struktureller Verlust an nüchterner Einordnung.
Positive Gegenbeispiele: Wenn Einordnung wichtiger ist als Erregung
Es gibt allerdings auch Gegenbeispiele, die zeigen, dass es anders geht. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) etwa, die im Media Quality Rating regelmäßig Spitzenplätze belegt, steht – bei aller eigenen Blattlinie – für gründliche Recherche, klare Trennung von Bericht und Kommentar und eine vergleichsweise geringere Abhängigkeit von Social-Media-ypes.
Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) wiederum beweist, dass auch ein stark digital ausgerichtetes Netzwerk konsequent auf erklärende Formate, Hintergründe und Einordnungen setzen kann, die zugleich regional verankert bleiben.
RND versorgt mehr als hundert Partnerredaktionen und erreicht damit Millionen Leserinnen und Leser – nicht mit Dauerempörung, sondern mit einem Mix aus Nachrichten, Reportagen und Kommentaren.
Kein Medium ist perfekt. Aber solche Beispiele zeigen: Man kann im digitalen Zeitalter erfolgreich sein, ohne permanent die Empörungslogik von Social Media zu kopieren.
Genau an dieser Weggabelung stehen viele deutsche Leitmedien heute.
Müssen deutsche Medien überhaupt auf Social Media sein?
Die nüchterne Antwort lautet: Nein, „müssen“ tun sie es nicht. Aber Reichweite, Markenaufbau und Werbemärkte setzen einen starken Anreiz, es doch zu tun.
Social-Media-Präsenz bringt:
- zusätzliche Sichtbarkeit bei jüngeren Zielgruppen,
- Traffic-Schübe für einzelne Artikel,
- Vermarktungsmöglichkeiten und Daten über Nutzerinteressen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht ob, sondern wie Qualitätsmedien Social Media nutzen. Wer Twitter/X wie einen verlängerten Stammtisch betreibt, wird irgendwann dessen Tonfall übernehmen.
Wer Social Media hingegen als reinen Verteilkanal für sauber recherchierte Inhalte nutzt und auf künstliche Empörung verzichtet, kann Reichweite aufbauen, ohne den eigenen Markenkern zu beschädigen.
Dazu braucht es klare redaktionelle Social-Media-Leitlinien: Was wird wo gespielt? Mit welchem Ton?
Und welche Themen bleiben bewusst nicht Bestandteil des täglichen Erregungszirkus?
Fünf Schritte raus aus der Empörungsfalle
Wer die Rolle der Presse als vierte Gewalt ernst nimmt,
muss den eigenen Umgang mit Social Media und Empörungslogik offensiv korrigieren.
Fünf Ansatzpunkte:
- Priorität für Einordnung statt Erregung
Leitlinien, die festschreiben: Relevanz geht vor Viralität.
Themenauswahl auf Grundlage von demokratischer Bedeutung, nicht nach Trend-Hashtags. - Strikte Trennung von Nachricht und Kommentar
Nachrichten nüchtern halten, Meinungen klar kennzeichnen.
Schlagzeilen, die bereits die Deutung liefern, gehören in die Kommentarspalte – nicht in den Nachrichtenticker. - Transparenz über Fehler und Korrekturen
Offene Fehlerkultur, sichtbare Korrekturspalten, Ombudsleute:
Vertrauen entsteht durch nachvollziehbare Qualitätskontrolle, nicht durch Unfehlbarkeitsinszenierung. - Social-Media-Minimalstrategie für Qualitätsmarken
Klare Entscheidung, welche Plattformen wirklich gebraucht werden.
Qualitätsmedien müssen nicht jeden Trend mitmachen.
Weniger Kanäle, dafür konsequent gepflegt – ohne Clickbait. - Investition in Medienkompetenz und erklärende Formate
Hintergrund, Dossiers, Erklärstücke, konstruktiver Journalismus: Leserinnen und Leser brauchen Hilfe bei der Einordnung von Fakten, nicht den nächsten Wut-Impuls.
Wem die Presse dient – Bürgern und Parlament statt Algorithmus
Eine starke, verantwortungsbewusste Presse hilft dem Parlament, bessere Entscheidungen zu treffen.
Nicht, indem sie Politik „macht“, sondern indem sie Fakten ordnet, Interessenkonflikte sichtbar macht und Mehrheitsstimmungen nicht mit Momentaufnahmen aus sozialen Netzwerken verwechselt.
Für Abgeordnete heißt das: Sie brauchen Medien, die Lärm herausfiltern, statt ihn zu verstärken. Für Bürgerinnen und Bürger heißt es: Sie brauchen Angebote, die ihnen ermöglichen, sich ohne Vorstudium ein fundiertes Urteil zu bilden – auch bei komplexen Themen.
Wer als Medium diesen Anspruch ernst nimmt, wird vielleicht kurzfristig auf den einen oder anderen viralen Treffer verzichten. Langfristig gewinnt er das, was im Journalismus am schwersten zu erarbeiten und am leichtesten zu verspielen ist: Vertrauen.

