Die Merkel-Jahre: Biedermeier im 21. Jahrhundert

Merkel-Aera-und-geopolitische-Herausforderungen

KOMMENTAR & ANALYSE

13 Jahre Stabilität wurden als politische Tugend gefeiert. Doch Stabilität ohne Strategie wird mit der Zeit zur Hypothek. Eine Einordnung der zentralen Versäumnisse – und warum Deutschland bis heute mit den Folgen ringt.

Die 13 Jahre Angela Merkel waren für viele eine bequeme Zeit. Wirtschaftlich erfolgreich, politisch ruhig, gesellschaftlich weitgehend konfliktarm. Rückblickend war es jedoch weniger eine Phase strategischer Gestaltung als eine Ära des politischen Biedermeiers im 21. Jahrhundert: Stabilität um jeden Preis, Beruhigung statt Entscheidung, Verwaltung statt Führung.

Diese Politik folgte oft weniger langfristigen Zielen als dem Versuch, Stimmungen zu moderieren und Mehrheiten zu sichern. Entscheidungen wurden nicht daran gemessen, ob sie strategisch richtig waren, sondern ob sie kurzfristig vermittelbar erschienen. Umfragen ersetzten Werte, Pragmatismus verdrängte Visionen.

Außenpolitik: Russland und China – Abhängigkeiten statt Resilienz

Besonders deutlich zeigt sich das in der Außen- und Energiepolitik. Die Fehleinschätzung Wladimir Putins war kein Zufall, sondern Teil einer grundsätzlichen Haltung: Wandel durch Handel, wirtschaftliche Verflechtung als Ersatz für geopolitische Realität.
Die wachsende Abhängigkeit von Russland bei Energie und von China in Industrie und Handel wurde bewusst in Kauf genommen – trotz klarer Warnzeichen.

Das Problem war nicht, dass Deutschland handelspolitisch offen blieb. Das Problem war die Abwesenheit von Redundanzen: zu wenig Diversifizierung, zu wenig Vorsorge, zu wenig strategische Resilienz. Wer Sicherheitspolitik, Energieversorgung
und Lieferketten als Nebenthema behandelt, zahlt später mit Handlungsspielraum.

Europa: verwaltet, aber nicht weiterentwickelt

Gleichzeitig blieb der europäische Integrationsprozess stehen. Europa wurde verwaltet, aber nicht weiterentwickelt. Statt die EU handlungsfähiger zu machen, setzte man auf nationale Kompromisse und bilaterale Abstimmung. Die Einstimmigkeit blieb weitgehend unangefochten, strategische Reformen wurden vertagt.
Europa wurde größer, aber nicht stärker.

In der Praxis bedeutete das: Die EU wuchs als Binnenmarkt, blieb aber politisch häufig ein Zusammenschluss, der im Ernstfall zu langsam entscheidet, zu weich formuliert und zu selten geschlossen auftritt.
Für eine Welt, in der Machtpolitik zurückgekehrt ist, reicht das nicht.

USA: bequeme Anlehnung statt europäischer Eigenständigkeit

Auch die enge Anlehnung an die USA – insbesondere in der Obama-Ära – erwies sich im Rückblick als bequem, aber kurzsichtig. Man verließ sich auf amerikanische Führung, statt europäische Eigenständigkeit aufzubauen. Sicherheitspolitik wurde ausgelagert, strategisches Denken delegiert. Das funktionierte, solange Washington zuverlässig die Ordnung mittrug – und rächte sich, als diese Verlässlichkeit politisch erodierte.

Energiepolitik: Der Atomausstieg als Symbolpolitik ohne Gesamtarchitektur

Der Atomausstieg steht sinnbildlich für diese Politik. Er war gesellschaftlich populär, moralisch aufgeladen und politisch bequem – aber strategisch schlecht eingebettet. Er erfolgte ohne tragfähiges Gesamtkonzept für Versorgungssicherheit, Industrie und europäische Abstimmung.
Der Kern der Kritik ist dabei nicht eine rückwärtsgewandte Debatte über „pro oder contra Atomkraft“, sondern der fehlende strategische Rahmen: Welche Energiearchitektur trägt eine Industrienation zuverlässig durch Krisen, Preis-Schocks und geopolitische Verwerfungen? Wer diese Frage nicht über Jahrzehnte denkt, landet zwangsläufig in Ad-hoc-Politik.

Die Konsequenzen spürt Deutschland bis heute.

Scholz: Teil des Systems – und Verwalter des Erbes

Olaf Scholz war Teil dieses Systems. Als Minister und Vizekanzler trug er die Grundentscheidungen der Merkel-Jahre mit – und übernahm deren Erbe. Sein Kanzleramt stand unter dem Zeichen der Kontinuität, nicht des Bruchs.
Die Hoffnung auf einen strategischen Neuanfang erfüllte sich nicht. Stattdessen wurde die Politik des Abwartens fortgesetzt – in einer Zeit, in der sie nicht mehr tragfähig war.
Scholz’ Kanzlerschaft wirkte dadurch wie ein Nachhall der Merkel-Ära: vorsichtig, reaktiv, häufig kommunikativ defensiv. In einer Phase beschleunigter Krisen – geopolitisch, energiepolitisch, industriepolitisch – war das zu wenig. Nicht jede Entscheidung war falsch. Aber die Gesamtrichtung fehlte: ein erkennbares Zielbild,
eine belastbare europäische Strategie, eine überzeugende Erzählung politischer Selbstbehauptung.

Fazit: Politik muss wieder Werte, Interessen und Langfristigkeit verbinden

Deutschland leidet heute noch unter den Folgen dieser Wohlfühlpolitik: strategische Abhängigkeiten, eine geschwächte europäische Handlungsfähigkeit und ein Vertrauensverlust in politische Führung. Was als Stabilität verkauft wurde, war in Wahrheit ein Aufschub notwendiger Entscheidungen.

Die Lehre daraus ist unbequem, aber klar: Politik darf sich nicht an Umfragen orientieren, sondern an Werten, Interessen und langfristigen Zielen. Führung bedeutet, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen – rechtzeitig, nicht erst unter Druck.

Wenn Deutschland und Europa wieder gestaltende Kraft werden wollen, müssen sie sich vom politischen Biedermeier lösen. Die Zeit der Bequemlichkeit ist vorbei. Was folgt, entscheidet über die Zukunft des Kontinents.

Einordnung: Kommentar/Analyse.
Standpunkt des Autors Jürgen E. Metzger.