Indien als zweites Standbein: Warum Mittelständler ihre Produktion aufteilen
Indien als zweites Standbein: Warum Mittelständler ihre Produktion aufteilen
Die Diskussion um ein mögliches Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien wird häufig mit drastischen Warnungen begleitet. Von massenhaftem Arbeitsplatzverlust und einer neuen Abwanderungswelle der Industrie ist die Rede. Solche Szenarien greifen jedoch zu kurz. In der Praxis zeigt sich ein differenzierteres Bild: Viele mittelständische Industrieunternehmen verlagern ihre Produktion nicht vollständig ins Ausland – sie teilen ihre Wertschöpfung auf.
Internationalisierung statt Abwanderung
Für zahlreiche Maschinenbauer, Zulieferer und technische Produzenten ist ein zusätzlicher Standort in Indien kein Schritt weg vom Standort Deutschland, sondern ein Schritt zur Stabilisierung des eigenen Geschäftsmodells. Hintergrund sind strukturelle Kostenunterschiede: Arbeitskosten, regulatorische Auflagen und administrative Belastungen sind in Indien deutlich niedriger als hierzulande. Gleichzeitig wächst dort eine leistungsfähige industrielle Infrastruktur.
Die Folge ist ein Modell, das in vielen Betrieben ähnlich aussieht:
- In Deutschland verbleiben: Entwicklung, Prototypenbau, komplexe Sonderlösungen, kundenspezifische Anpassungen, zentrale Funktionen wie Vertrieb, Service, Verwaltung und Unternehmenssteuerung.
- Im Ausland – etwa in Indien – entstehen: arbeitsintensive Fertigungsschritte, Serienproduktion standardisierter Komponenten und kostensensible Baugruppen.
Diese Aufteilung ermöglicht es Unternehmen, preislich wettbewerbsfähig zu bleiben, ohne ihr technologisches Kern-Know-how aus der Hand zu geben.
Kostendruck als treibende Kraft
Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Unternehmen „wegwollen“, sondern dass sie unter hohem Wettbewerbsdruck stehen. Deutsche Produktionsstandorte kämpfen mit steigenden Energiepreisen, hohen Lohnnebenkosten, umfangreichen Dokumentationspflichten und langen Genehmigungsverfahren. Für viele Betriebe entsteht dadurch eine betriebswirtschaftliche Schieflage, wenn sie ausschließlich in Deutschland fertigen.Ein zusätzlicher Standort in Indien kann hier wie ein Druckventil wirken: Standardisierte Teile werden kostengünstiger produziert, während anspruchsvolle Tätigkeiten im Inland verbleiben. Ohne diese Möglichkeit müssten manche Unternehmen Marktanteile aufgeben – mit Folgen auch für die verbleibenden Arbeitsplätze in Deutschland.
Wertschöpfung wird geografisch aufgeteilt
Dieses Modell führt zu einer geografischen Differenzierung der Wertschöpfung. Während einfache und arbeitsintensive Prozesse eher verlagert werden, konzentriert sich der Standort Deutschland zunehmend auf:
- technologisch anspruchsvolle Entwicklung
- Systemintegration und Engineering
- kundenspezifische Lösungen
- hochqualifizierte Service- und Steuerungsfunktionen
Das bedeutet jedoch auch: Der industrielle Charakter verändert sich. Die Zahl klassischer Fertigungsarbeitsplätze kann sinken, während wissensintensive Tätigkeiten an Bedeutung gewinnen. Dieser Strukturwandel ist nicht neu, gewinnt aber durch neue Handelsbeziehungen und globale Standortoptionen an Tempo.
Indien als Alternative im globalen Gefüge
Indien wird von vielen Unternehmen als Ergänzung oder Alternative zu bestehenden asiatischen Standorten gesehen. Neben Kostenvorteilen spielen dabei auch strategische Überlegungen eine Rolle: Diversifizierung von Lieferketten, geopolitische Risikostreuung und der Zugang zu einem großen Wachstumsmarkt. Für mittelständische Unternehmen bedeutet das: Sie müssen global denken, um lokal überleben zu können. Internationale Produktionsnetzwerke sind heute oft Voraussetzung dafür, Entwicklung, Zentrale und hochwertige Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern.
Die eigentliche Standortfrage
Die zentrale politische und wirtschaftliche Frage lautet daher nicht, ob Unternehmen im Ausland produzieren, sondern warum sie es für notwendig halten. Solange Energiepreise, Bürokratieaufwand, Steuerlast und regulatorische Unsicherheiten in Deutschland als strukturelle Wettbewerbsnachteile empfunden werden, bleibt der Anreiz zur Aufteilung der Produktion bestehen. Internationale Standorte sind dann weniger Ursache als Folge der Standortbedingungen. Wer industrielle Wertschöpfung im Inland halten will, muss daher an den Rahmenbedingungen ansetzen – nicht an der Internationalisierung selbst.
Fazit
Die Aufteilung der Produktion auf Deutschland und Standorte wie Indien ist für viele Mittelständler kein Abkehr vom Heimatstandort, sondern ein Instrument zur Sicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Entscheidend ist, ob es gelingt, die technologisch anspruchsvollen und wertschöpfungsstarken Funktionen im Inland zu halten. Dafür sind stabile, planbare und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen am Standort Deutschland unerlässlich.
Redaktioneller Hinweis:
Der Beitrag ordnet aktuelle Einschätzungen aus der
Beratungspraxis zur internationalen Produktionsaufstellung ein.
Er stellt keine gesamtwirtschaftliche Prognose dar,
sondern beschreibt typische
Muster mittelständischer Unternehmensstrategien.

