Wer vertritt den Mittelstand wirklich?
Teil 1: Kammern, KMU-Verbände und die politische Kompl organisierter Interessenvertretung

Politik-und-Mittelstand-im-Fokus-

HINTERGRUND

 

Der Mittelstand ist Deutschlands wirtschaftliches Rückgrat – politisch wird er permanent beschworen. Doch wer spricht in Berlin tatsächlich für kleine und mittlere Unternehmen? Teil 1 zeigt: Es gibt viele Organisationen, aber wenig Bündelung – und Mittelstandsvertretung ist nicht nur Knochenarbeit, sondern oft „Flöhe hüten“ in einem politisch sensiblen Umfeld.

Einleitung: Mittelstand als Projektionsfläche

Der Mittelstand“ klingt wie ein einheitlicher Akteur – ist aber in Wahrheit ein Sammelbegriff: Solo-Selbstständige, Handwerksbetriebe, Händler, Dienstleister, regionale Hidden Champioexitätns und industrielle Zulieferer mit 200 Beschäftigten teilen nicht automatisch dieselben Interessen.

Wer „den Mittelstand“ vertreten will, muss daher nicht nur wirtschaftliche Fragen beantworten, sondern permanent moderieren: zwischen Größenklassen, Branchen, Regionen – und zunehmend auch zwischen politischen Grundhaltungen.

Genau hier liegt das Kernproblem: Es mangelt nicht an Verbänden, sondern an einer dauerhaft schlagkräftigen, professionellen Bündelung. Mittelstandsvertretung ist keine Nebenbeschäftigung – sie verlangt Präsenz, Konfliktfähigkeit, Detailarbeit und Fingerspitzengefühl.

1. IHK & Handwerkskammern: Pflichtorganisationen – Ordnungsmacht statt Lobby

Industrie- und Handelskammern (IHK) sowie Handwerkskammern sind institutionell die größte „Klammer“ über den Mittelstand: flächendeckend, pflichtorganisiert, mit hoheitlichen Aufgaben (Ausbildung, Prüfungen, Gutachten).
Sie sichern Stabilität und Infrastruktur – und genau daraus folgt ihre politische Grenze.

  • Stärken: Reichweite, regionale Präsenz, Fachkompetenz, Systemfunktion.
  • Grenzen: Konsensorientierung, Zurückhaltung in parteipolitisch aufgeladenen Debatten, geringe „Druckfähigkeit“.

Kurz gesagt: Kammern liefern Fakten, Positionen und Praxiswissen – aber sie sind keine Konflikt- oder Kampagnenorganisationen.
Wer harte Interessenpolitik erwartet, wird sie dort nicht finden.

2. Die KMU-Verbändelandschaft: viele Namen, viele Milieus, wenig gemeinsame Stimme

Neben den Kammern existiert eine breite Szene von Mittelstands- und KMU-Verbänden, die jeweils bestimmte Teilgruppen adressieren – regional, branchlich oder nach Unternehmermilieu. Dazu zählen unter anderem:

  • Deutscher Mittelstands-Bund (DMB)
  • Bundesverband Deutscher Mittelstand
  • Union Mittelständischer Unternehmen (UMU)
  • Bundesvereinigung Mittelstand in Deutschland
  • Bund der Selbständigen (BDS) (traditionsreich, historisch im lokalen Gewerbe und bei Selbstständigen verankert)

Das Problem ist nicht die Existenz dieser Organisationen – sondern ihre Gleichzeitigkeit. Sie konkurrieren um Mitglieder, Aufmerksamkeit und politischen Zugang. Ergebnis: Der Mittelstand spricht häufig nicht „mit einer Stimme“, sondern mit vielen – und schwächt sich dadurch in entscheidenden Momenten selbst.

3. Der BVMW: Sichtbarkeit durch Personalisierung – und durch Geschichte

Der BVMW ist in der Öffentlichkeit der bekannteste Name unter den Mittelstandsverbänden. Historisch ist seine Entwicklung jedoch ohne Personengeschichte kaum zu verstehen: gegründet 1975 in Bonn (Gründungsumfeld um Dieter Härthe), in frühen Phasen stark geprägt durch Berater- und Netzwerklogiken, später mit deutlicher Professionalisierung und – vor allem – einer langen, präsidial geprägten Ära.
Unter Mario Ohoven gewann der Verband massive Sichtbarkeit: politische Nähe, Medienpräsenz und eine starke Personalisierung prägten das Bild. Das hat Reichweite geschaffen – zugleich aber auch ein Modell, in dem Repräsentation und Inszenierung mindestens so wichtig waren wie die schwerfällige Bündelung heterogener KMU-Interessen.

Einordnung: Der BVMW ist laut, präsent und anschlussfähig – aber er bleibt Teil einer Landschaft, in der Aufmerksamkeit nicht automatisch Durchsetzung bedeutet.

4. UMU: Repräsentation, Prominenz – und der Abstand zum KMU-Alltag

Die UMU zeigt exemplarisch eine andere Dynamik: Aufwertung durch prominente Namen (z. B. mit dem CSU-Ex-MdEP Ingo Friedrich in führender Rolle) sowie durch regelmäßige Preisformate, die vor allem Sichtbarkeit erzeugen. Das wirkt nach außen wie Stärke – sagt aber noch wenig über die alltäglichen Problemlagen kleiner Betriebe aus.
Auch die gesellschaftliche Verortung spielt eine Rolle: Wenn Führung und Umfeld stark beratungsnah und elitenaffin sind, entsteht schnell ein Repräsentationsstil, der eher „Mittelstand als Bühne“ bedient als „Mittelstand als betriebliche Realität“.

5. Warum Mittelstandsvertretung „Flöhe hüten“ ist – und politisch vermint sein kann

Mittelstandsvertretung ist Knochenarbeit – und oft Flöhe hüten. Denn die Interessengegensätze verlaufen quer durch den Mittelstand selbst: Arbeitgeber vs. Solo-Selbstständige, energieintensive Produktion vs. Dienstleister, Stadt vs. Land,
Export vs. Binnenmarkt. Wer hier bündeln will, muss täglich moderieren und trotzdem klar positionieren.

Hinzu kommt: Die Interessenvertretung ist heute politisch sensibler als früher. Der öffentliche Streit um den Umgang einzelner Wirtschaftsverbände mit der AfD (Ende 2025) hat gezeigt, wie schnell Organisationen zwischen „Dialog“-Argument,
Vereinnahmungsverdacht, internen Austritten und Reputationsrisiken geraten können. Das betrifft nicht nur die großen Player – es erhöht generell den Druck auf Verbände, politische Grenzziehungen kommunikativ sauber zu beherrschen.

Konsequenz: Wer den Mittelstand wirksam vertreten will, braucht nicht nur Themenkompetenz, sondern auch politische Souveränität, Krisenfestigkeit und professionelle Kontinuität.

Zwischenfazit

Der Mittelstand ist in Deutschland stark organisiert – aber häufig schwach gebündelt. Kammern sind institutionell mächtig, politisch zurückhaltend. Verbände sind zahlreich, aber konkurrierend. Sichtbarkeit ersetzt keine Durchsetzungskraft.Oder zugespitzt: Der Mittelstand wird gehört – aber er bestimmt selten den Ton.

Ausblick auf Teil 2

Im nächsten Teil der Reihe geht es um die klassischen Machtzentren der Wirtschaftspolitik: BDI, Handwerksspitzen und DIHK – und darum, warum dort oft die entscheidenden Weichen gestellt werden, obwohl diese Organisationen den Mittelstand nur teilweise und oft indirekt abbilden.


Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag ist Teil einer MJ-Hintergrundreihe. Ergänzungen und Präzisierungen folgen in den nächsten Teilen. Stand: Januar 2026

Autor: Jürgen E. Metzger Chr Mittelstandsjournal

Themen: Mittelstand, KMU, Verbände, Kammern, Interessenvertretung, Wirtschaftspolitik