Rohstoffe statt Werte
Trump, Putin und die Entkleidung der westlichen Außenpolitik

Analyse & Hintergrund.
Ob Venezuela, Ukraine, Gaza oder Grönland – westliche Außenpolitik wird regelmäßig mit Demokratie, Menschenrechten oder „Sicherheit“ begründet.
Doch unter der Oberfläche wirkt oft ein älteres Muster: Rohstoffe, Märkte, Transportwege und Einflusszonen entscheiden. Donald Trump hat diese Logik nicht erfunden, aber in einer bis dahin ungewohnten Offenheit sichtbar gemacht.
Der Blick auf diese Mechanik rückt auch die klassische linke Kritik am US-Kapitalismus erneut ins Zentrum – und hilft zugleich, die Motive autoritärer Gegenspieler wie Wladimir Putin nüchterner zu verstehen, ohne sie zu rechtfertigen.
1. Der rote Faden: Außenpolitik als Interessenpolitik
Die Grundannahme ist unbequem, aber historisch plausibel: Großmächte handeln außenpolitisch primär nach strategischen und ökonomischen Interessen. Das gilt für Demokratien ebenso wie für autoritäre Systeme. Werte, Moral und Normen spielen eine Rolle – aber häufig als Legitimationsrahmen, nicht als handlungsleitende Priorität.
Für die USA bedeutete das über Jahrzehnte (in wechselnden Ausprägungen): Zugang zu Rohstoffen, Schutz von Handelswegen, Sicherung von Märkten sowie Stabilisierung geopolitischer Konstellationen, die den eigenen ökonomischen und sicherheitspolitischen Interessen entsprechen. Wer diese Logik ignoriert, wird außenpolitische Entscheidungen oft missverstehen – oder moralisch übererklären.
2. Trump: Entlarver statt Erfinder
Donald Trump unterscheidet sich von vielen Vorgängern weniger durch das Ziel als durch den Stil der Begründung. Während frühere Präsidenten Interessenpolitik meist in große Erzählungen kleideten – Freiheit, Ordnung, Verantwortung, Menschenrechte –, wirkte Trumps Auftreten häufig wie die Reduktion auf den Kern: Deal, Vorteil, Kontrolle.
Das ist der entscheidende Punkt: Trumps Außenpolitik erschien nicht zwingend „neuer“, aber sie war oft weniger verhüllt. Das moralische Feigenblatt, das diplomatische Ritual, die ideologische Einbettung – vieles davon trat in den Hintergrund. Übrig blieb eine transaktionale Sicht auf Weltpolitik, die an Unternehmenslogik erinnert: Territorien als Assets, Beziehungen als Verhandlungspakete, Regeln als verhandelbare Größen.
3. Gab es das schon einmal? Vorläufer – aber immer mit Maske
Natürlich gab es in der US-Geschichte harte Interessenpolitik. Doch typischerweise war sie eingebettet in Narrative, die nach innen und außen legitimieren sollten. Der Unterschied liegt weniger in der Existenz von Interessen als in der Öffentlichkeit des Motives.
- Imperiale Expansion um 1900: Märkte, Seewege und Einfluss in Karibik und Pazifik wurden häufig als „Ordnung“ oder „Zivilisierungsauftrag“ gerahmt.
- Kalter Krieg: Unterstützung fragwürdiger Partnerregime wurde ideologisch mit Antikommunismus und „Freiheit“ begründet.
- Realpolitik der 1970er: Entspannung, Machtbalance und strategische Interessen wurden als Stabilitätspolitik legitimiert.
Trump fällt heraus, weil er die Legitimation nicht zuverlässig nachlieferte – oder sie offen als zweitrangig behandelte. Das macht ihn historisch besonders: nicht als Erfinder, sondern als Beschleuniger der Entzauberung.
4. Venezuela: Der Lackmustest der Rohstofflogik
Der Blick auf Venezuela illustriert die Struktur am klarsten. Das Land ist in Debatten oft Projektionsfläche: Demokratiekrise, Menschenrechtsfragen, Systemkonflikt. Doch ein nüchterner Interessenblick drängt sich auf: Venezuela ist ein Rohstofffall. Die Bedeutung des Landes ergibt sich weniger aus der Qualität seines politischen Systems als aus seiner Rolle im globalen Energiesystem – und aus der Frage, wer künftig Zugriff, Kontrolle und Preishebel besitzt.
Gerade hier wird die linke Kritik am US-Kapitalismus konkret: Wenn Demokratierhetorik selektiv erscheint – streng gegenüber unkooperativen Rohstoffstaaten, milder gegenüber kooperativen Autokratien –, dann spricht vieles dafür, dass Werte nicht der primäre Treiber sind, sondern ein flexibles Argumentationsinstrument.
5. Putin und die Ukraine: Verstehen ohne Rechtfertigung
Wladimir Putins Politik – insbesondere der Angriffskrieg gegen die Ukraine – ist völkerrechtlich und moralisch nicht zu relativieren. Dennoch bleibt die Analyse der Motive notwendig. Putins Argumentationsmuster folgt klassischer Großmachtlogik: Sicherheitsräume, Einflusszonen, strategische Tiefe, Kontrolle über Korridore, Häfen, Energie- und Transportwege.
Wenn man westliche Außenpolitik ebenfalls als Interessenpolitik versteht, wird der Rahmen deutlicher: Beide Seiten operieren im selben geopolitischen System, in dem Macht, Einfluss und Ressourcen zentrale Kategorien sind. Der Unterschied liegt entscheidend in den Mitteln: Russland überschreitet offen das Gewaltverbot; der Westen arbeitet häufiger indirekt – über Bündnisse, wirtschaftliche Instrumente, Sanktionen, Unterstützung Dritter.
Wichtig: Diese Perspektive erklärt – sie entschuldigt nicht. Aber ohne sie bleibt Debatte leicht moralisches Theater: empört im Ton, blind für Mechanik.
6. Gaza, Grönland, Routen: Warum das Muster wiederkehrt
Gaza ist nicht nur humanitäre Katastrophe, sondern zugleich Knotenpunkt regionaler Sicherheitsarchitektur und Bündnispolitik.
Grönland ist nicht nur „exotische Insel“, sondern strategischer Raum im Arktiswandel: maritime Routen, militärische Frühwarnsysteme, Rohstoffe (inklusive seltener Erden) und geopolitische Positionierung zwischen Nordamerika, Europa und Asien.
Wer diese Konflikte ausschließlich moralisch liest, unterschätzt den Anteil jener Motive, die in Diplomatie selten als erstes ausgesprochen werden: Zugriff, Kontrolle, Abschreckung, Lieferketten, strategische Reserve.
7. Historisches Urteil: Was ist an Trump neu?
Die präzise Antwort auf die Ausgangsfrage lautet: Interessenpolitik gab es immer – aber selten so unverhüllt. Trump markiert eine Zäsur, weil er die moralische Verpackung vieler außenpolitischer Entscheidungen nicht konsequent gepflegt hat. Damit wirkt er wie ein „Entkleider“ eines Systems, das zuvor meist mit Normen und Werten operierte, um Interessen zu legitimieren.
Trump hat die Logik interessengeleiteter Außenpolitik nicht erfunden – er hat sie sichtbar gemacht.
8. Konsequenz: Wenn das Feigenblatt fällt
Damit verändert sich etwas Grundsätzliches: Wenn die Legitimation erodiert, wird Bündnispolitik fragiler, internationale Normbindung schwächer und innenpolitische Polarisierung stärker. Denn die Frage verschiebt sich: nicht mehr „Wie handeln wir moralisch richtig?“, sondern „Wer gewinnt den Deal?“.
Für Europa – und speziell für Deutschland – liegt darin eine strategische Lektion: Wer sich auf Werte als alleinige Erklärung verlässt, wird in einer Welt rohstoff- und machtorientierter Politik überrollt. Wer Interessenpolitik als einzige Wahrheit akzeptiert, verliert wiederum den normativen Halt, der Demokratien unterscheidet. Die Zukunft liegt in einer schwierigen Doppelstrategie: Interessen klar definieren – und Normen so robust machen, dass sie nicht nur Dekoration sind.
Schluss
Die Beobachtung „Es geht um Rohstoffe und Geschäfte“ ist nicht zynisch, sondern analytisch notwendig.
Sie bestätigt zentrale Elemente der linken Kapitalismuskritik – und sie erklärt, warum autoritäre Mächte ihre Politik ebenfalls als Interessenpolitik verkaufen.
Die entscheidende Frage ist damit nicht, ob Werte in der Außenpolitik vorkommen, sondern ob Demokratien bereit und fähig sind, ihren normativen Anspruch gegen die eigene Bequemlichkeit und gegen ökonomische Kurzfristinteressen zu verteidigen.
Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag ist ein Essay im Format „Analyse & Hintergrund“.
