Lobby-Paradoxon in Berlin: schlechter Ruf, hohe Wertschätzung

Lobby-Paradoxon in Berlin: schlechter Ruf, hohe Wertschätzung

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HINTERGRUND

Eine Umfrage der DPRG und des IMWF zeigt: Abgeordnete kritisieren Lobbyismus als Image-Problem – nutzen Interessenvertretung zugleich als Informationsquelle. Was das für Transparenz und Mittelstand bedeutet.

„Hinterzimmer“ war gestern – Expertise ist gefragt.

Lobbyismus hat in Deutschland einen scgefragthlechten Ruf – darüber herrscht in Berlin bemerkenswerte Einigkeit. In einer bundesweiten Befragung gaben 96 Prozent der teilnehmenden Bundestagsabgeordneten und 100 Prozent der befragten Lobbyistinnen und Lobbyisten an, dass Interessenvertretung öffentlich negativ wahrgenommen wird. Gleichzeitig dokumentiert die Erhebung einen deutlichen Wandel: Der klassische „Hinterzimmer-Lobbyismus“ verliert an Bedeutung – gefragt sind Fachwissen, Nachvollziehbarkeit und überprüfbare Fakten.

Interessenvertretung: umstritten – aber als demokratisch notwendig bewertet

Das Kernresultat der Studie wirkt paradox und ist politisch relevant: Trotz des schlechten Images wird Lobbyismus von vielen Parlamentariern als funktionaler Bestandteil der Demokratie verstanden. 74 Prozent der Abgeordneten und 94 Prozent der Lobbyisten betrachten Interessenvertretung als notwendigen Bestandteil des demokratischen Prozesses.

Damit rückt eine nüchterne Sicht auf den Politikbetrieb in den Vordergrund: Gesetzgebung entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Austausch mit Verbänden, Unternehmen, Wissenschaft, NGOs und Betroffenen. Entscheidend ist weniger, dass dieser Austausch stattfindet – sondern wie er organisiert wird: transparent, dokumentierbar und fair.

Warum Abgeordnete Lobbykontakte brauchen – und was sie dafür erwarten

Besonders deutlich wird die Rolle des Lobbyismus als Wissens- und Informationstransfer. Der Austausch gilt beiden Seiten als wichtige Informationsquelle für die politische Meinungsbildung: Dem stimmen 78 Prozent der Abgeordneten und 94 Prozent der Lobbyisten zu. Persönliche Prominenz spielt dabei laut Befragung eine geringere Rolle: Nur 15 Prozent nennen eine „wichtige Persönlichkeit“ als relevant, 11 Prozent einen Parteifreund.

Für die Praxis bedeutet das: Relevanz entsteht weniger über Zugang und Status – sondern über belastbare Inhalte. Wer politische Entscheidungen beeinflussen will, muss Argumente liefern, die einer Prüfung standhalten: Daten, Praxiserfahrung, Folgenabschätzungen, Vergleichsfälle aus anderen Ländern.

Transparenz statt Verdacht: Das Problem sind Ungleichgewichte

Die Umfrage verweist zugleich auf ein kritisches Problembewusstsein. DPRG-Präsidentin Sabine Clausecker hebt hervor, dass das Spannungsfeld aus Informationsasymmetrien, ungleichen Ressourcen zwischen Stakeholdern und Anforderungen moderner Transparenzmechanismen das professionelle Selbstverständnis im politischen Raum verändert. Die DPRG kündigte an, die Erhebung in zwei Jahren fortzusetzen.

Genau hier liegt der Punkt, der für den Mittelstand zentral ist: Transparenz ist notwendig, aber nicht hinreichend. Denn selbst bei sauberer Dokumentation bleibt die Frage, ob alle Akteure mit vergleichbarer Schlagkraft auftreten können. Großkonzerne verfügen über eigene Public-Affairs-Teams, spezialisierte Kanzleien und Studienbudgets – kleine und mittlere Unternehmen häufig nicht.

Was bedeutet das für KMU?

  • Fakten schlagen Lautstärke: Wer als KMU Gehör finden will, sollte nachvollziehbare Daten liefern (z. B. zur Bürokratielast, Investitionshemmnissen, Lieferkettenrisiken oder Standortkosten).
  • Verbände bleiben Schlüsselkanäle: Für viele Mittelständler ist professionelle Interessenvertretung realistisch nur über Branchen- und Regionalverbände machbar – inklusive klarer Transparenzregeln.
  • Transparenz schützt Legitimität: Offenlegung von Positionen, Stakeholdern und Anliegen schützt vor dem Generalverdacht, „Hinterzimmerpolitik“ zu betreiben.
  • Fairness-Debatte gehört auf die Agenda: Wenn Politik auf Expertise setzt, muss sie Zugänge so gestalten, dass nicht nur die Ressourcenstärksten systematisch profitieren.

Ein nüchterner Befund – mit politischer Sprengkraft

Die Umfrage liefert keinen Freifahrtschein für Lobbyismus – aber sie korrigiert ein Zerrbild. Der politische Alltag ist stärker professionalisiert, transparenzgetriebener und wissensbasiert, als es manche Debatten vermuten lassen. Gleichzeitig bleibt die zentrale Herausforderung bestehen: Wie lässt sich legitime Interessenvertretung ermöglichen, ohne dass Ressourcenungleichgewichte die demokratische Balance verschieben?

Für den Mittelstand ist das mehr als ein Image-Thema.
Es ist eine Standortfrage: Wer Regeln setzt, setzt Kosten, Pflichten und Spielräume.
Umso wichtiger ist ein Lobbyismus, der sichtbar, überprüfbar – und auch für KMU erreichbar bleibt.


Quelle
Deutsche Public Relations Gesellschaft (DPRG), Expertengruppe Public Affairs; Institut für Management- und Wirtschaftsforschung (IMWF): Studie/Umfrage zur „Bedeutung des Lobbyismus in Deutschland“  (Erhebungszeitraum: Juni bis September 2025; Expertenstichprobe, nicht repräsentativ).
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