Die Generaldebatte als Giftschrank
Alice Weidels rhetorischer Sinkflug
Ein Meinungsbeitrag zur Bundestagsdebatte vom 9. Juli 2025
Die Bundestagsdebatte über den Kanzleretat ist traditionell die große Bühne für Regierung und Opposition – und leider immer öfter auch die Kulisse für jene, die mehr zerstören als gestalten wollen. Alice Weidel, Fraktionschefin der AfD, hat sich heute einmal mehr als Meisterin im Verbiegen, Verzerren und Vergiften der politischen Sprache präsentiert.
In ihrer Generalabrechnung mit Friedrich Merz, der zum ersten Mal als Kanzler im Fokus stand, ratterte Weidel ein Repertoire aus Ressentiments, Unterstellungen und pauschaler Diffamierung herunter: Deutschland im „Sinkflug“, Migranten als „Hochrisikozone“, das Bürgergeld als „Migrantengeld“, Friedrich Merz ein „Papierkanzler“. Was sie betreibt, ist keine Kritik – es ist politische Pyrotechnik auf dem Niveau einer Kneipenparole.
Inhaltlich bleibt Weidels Rede eine Mischung aus Halbwahrheiten und giftigen Narrativen. Die rhetorischen Einschläge folgen einem kalkulierten Muster: Zuerst das Stigma (Kriminalität, Islamisierung), dann die Polarisierung (Merz = Ampel 2.0), schließlich die Selbstviktimisierung – inklusive Verweis auf angeblich „zehn Millionen AfD-Wähler“, denen die demokratische Teilhabe genommen werden solle.
Florett gegen politische Grobschmiede
Wer dieser Wortgewalt etwas entgegensetzen will, muss nicht lauter werden – sondern klüger. Denn Weidels Strategie ist nicht Dummheit, sondern Demagogie. Sie lebt von der Erregung, vom Gefühl, nicht vom Argument. Und sie weiß: Je mehr sich Gegner auf ihr Niveau begeben, desto größer ihre Bühne.
Friedrich Merz hat in seiner Replik zu Recht von „Halbwahrheiten“ und „übler Nachrede“ gesprochen. Doch das allein reicht nicht. Es braucht eine politische Sprache, die Klarheit ohne Verrohung schafft – und eine Öffentlichkeit, die den Unterschied erkennt zwischen Provokation und Problemlösung.
Ein Sinkflug, ja – aber rhetorisch
Der wahre Sinkflug war nicht der von Deutschland, sondern der der politischen Kultur. Wenn eine Oppositionsführerin sich derart weit vom demokratischen Diskurs entfernt, sollte nicht über ein Parteiverbot diskutiert werden – sondern über politische Bildung, Medienverantwortung und die Rückeroberung der Sprache durch Vernunft.
Wer, wie Weidel, „mit dem Verbot konkurrierender Parteien“ den Diktatur-Vergleich zieht, hat entweder Geschichtsunterricht geschwänzt oder zielt bewusst auf die Spaltung. In beiden Fällen: keine geeignete Person für eine demokratische Führungsrolle.