Europas Sozialsysteme im Wandel – Teil 2:

Deutschland zwischen Sozialstaat und Sozialdschungel

Deutschland Sozialstaat

Deutschland sieht sich gern als Vorreiter im sozialen Schutz. Doch hinter der Fassade eines historisch gewachsenen Systems offenbart sich eine zusehends schwerfällige Struktur. Wer heute Sozialleistungen beantragen oder verwalten muss, erlebt mehr Misstrauen als Unterstützung – und ein System, das nicht mit der Zeit geht.

Ein Mammutsystem mit hoher finanzieller Belastung

Mit rund 1,1 Billionen Euro jährlich fließen über 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in soziale Sicherungssysteme – vom Bürgergeld über Kindergeld bis zur gesetzlichen Rentenversicherung. Mehr als die Hälfte des Bundeshaushalts wird für Sozialausgaben verwendet.

Komplexität statt Klarheit

Ein zentrales Problem: Die Vielzahl der Leistungen und Zuständigkeiten. Wer Anspruch auf Unterstützung hat, muss sich durch ein Geflecht aus Jobcentern, Familienkassen, Sozialämtern und Krankenkassen kämpfen. Leistungen wie Bürgergeld, Kinderzuschlag, Wohngeld und BAföG werden isoliert betrachtet – mit unterschiedlichen Antragssystemen, Fristen, Nachweisen und Verwaltungsakten.

Ergebnis: Menschen in prekären Lagen erhalten oft nicht die Leistungen, die ihnen zustehen. Und Unternehmen wie Handwerksbetriebe oder Dienstleister scheitern regelmäßig daran, Förderungen für Mitarbeitergewinnung oder Weiterbildung abzurufen – schlicht, weil niemand durchblickt.

Bürgergeld – Reform mit Schattenseiten

Mit dem Bürgergeld wollte die Bundesregierung Hartz IV hinter sich lassen. Doch die Praxis zeigt: Die Änderungen sind kosmetischer Natur. Zwar wurden die Sanktionen abgemildert, doch die Systemlogik bleibt dieselbe: hohe Hürden, langwierige Verfahren, rigide Bedürftigkeitsprüfungen. Für Arbeitslose oft demütigend – für Unternehmen schwer nachvollziehbar.

Digitalisierung bleibt Stückwerk

Während Länder wie Österreich mit Plattformen wie FinanzOnline oder der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) voranschreiten, hängt Deutschland zurück. Elektronische Rentenauskunft, Online-Bürgergeld oder digitales Pflegegeld – all das gibt es nur punktuell. Die Vielzahl an Trägern verhindert integrierte IT-Lösungen.

Leistungsniveau vs. Leistungsfähigkeit

Die Renten in Deutschland liegen unter dem OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig steigen die Beitragssätze zur gesetzlichen Krankenversicherung und Pflegeversicherung stetig an. Mittelständische Unternehmen sehen sich mit wachsender Lohnnebenkostenbelastung konfrontiert – ohne dass dies zwingend zu besseren Leistungen führt.

Ein System am Scheideweg

Deutschland steht vor der Herausforderung, seinen Sozialstaat neu zu denken: Weniger Komplexität, mehr digitale Transparenz, besserer Zugang, echte Teilhabe – und eine Entlastung für diejenigen, die arbeiten und investieren wollen.

Im nächsten Teil: Österreich – weniger Verwaltung, mehr Wirkung? Warum unser Nachbar vieles besser macht.