HINTERGRUND Mittelstandspolitik: Wie Anton Jaumann die Mittelstandspolitik prägte
Von der bayerischen Landespolitik in die EU: Die Entwicklung eines wirtschaftspolitischen Leitprinzips
Ein bayerischer Impuls mit europäischer Wirkung
Die gezielte Mittelstandspolitik als Ausgleich von Wettbewerbsnachteilen kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) wurde in den 1960er Jahren durch den bayerischen Wirtschaftsminister Anton Jaumann erstmals in strukturpolitische Bahnen gelenkt. In einer Zeit rasanter Industrialisierung und wachsender Konzernmacht plädierte Jaumann für eine eigenständige Politik zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands. Sein Credo: „Der Mittelstand braucht keine Almosen, sondern faire Bedingungen.“
Der Grundgedanke: Politik des Nachteilsausgleichs
Im Kern verfolgte Jaumanns Mittelstandspolitik das Ziel, strukturelle Benachteiligungen gegenüber Großunternehmen – etwa bei Finanzierung, Marktzugang, Forschung und Bürokratie – durch gezielte Fördermaßnahmen auszugleichen. Daraus entwickelte sich eine bis heute gültige Leitlinie wirtschaftlicher Vernunft: Wer den Mittelstand stärkt, stabilisiert Arbeitsplätze, Innovation und regionale Wirtschaftskraft.
Verbandsinitiativen: VMU, MIT und EMSU
Wesentlich zur Verankerung dieser Politik trugen Interessenverbände bei. Die VMU (Vereinigung Mittelständischer Unternehmer), der MIT (Mittelstands- und Wirtschaftsunion) und die EMSU (Europäische Mittelstands-Union) entwickelten auf Grundlage von Jaumanns Prinzipien politische Konzepte, die sowohl in der Bundesrepublik als auch auf europäischer Ebene Gehör fanden.
Sie forderten eine klare Abgrenzung der Mittelstandsförderung gegenüber allgemeiner Industriepolitik und trugen dazu bei, dass KMU heute als Rückgrat der europäischen Volkswirtschaften anerkannt sind. Die EMSU wiederum brachte diese Positionen in die Gremien der Europäischen Volkspartei (EVP) und die EU-Kommission ein, wo sie zur Grundlage zahlreicher KMU-Initiativen wurden.
Von der Theorie zur Praxis: Programme und Wirkungen
Auf Jaumanns Impuls hin entstanden in Bayern erste spezielle Kreditprogramme für das Handwerk und den ländlichen Mittelstand. Die Programme zur Gründungsförderung, Technologieberatung und Exportunterstützung wurden später bundesweit adaptiert. In Brüssel fanden die Ideen Eingang in die KMU-Charta der EU und den Small Business Act.
Gegenwart und Ausblick
Auch heute, in Zeiten globaler Umbrüche und digitaler Transformation, ist die Jaumann’sche Logik des Nachteilsausgleichs aktueller denn je.
Sie erinnert daran, dass der Mittelstand keine strukturelle Schwäche ist, sondern unter fairen Rahmenbedingungen seine volle Stärke entfalten kann. Heute fordern verschiedene Mittelstands-Verbände weiterhin eine mittelstandsgerechte Umsetzung von Steuer-, Arbeits- und Digitalpolitik.
Die Wettbewerbs- und Gerechtigkeitsbalance bleibt ein zentrales Anliegen – nicht zuletzt im Spannungsfeld zwischen Freihandel, Konzernmacht und regionaler Wertschöpfung.